Kirche im Wohnzimmer

Von Heiligabend bis zum Fest der Heiligen Familie am 27. Dezember gab es einen Gottesdienst nach dem anderen in meiner Heimatgemeinde. Ich war mehrmals Lektorin und übernahm einmal die Einlasskontrolle. Was für eine schöne, feierliche, erfüllte Zeit!

Zur Corona-Sicherheit sind die Gottesdienste dieser Gemeinde seit dem 28.12. und bis zum 10.1. nicht öffentlich. Aber es wird gestreamt. Ich könnte in anderen Gemeinden zur Messe gehen, aber nach reiflicher Überlegung habe ich mich entschieden, mit gestreamten Messen vorlieb zu nehmen und in die Kirche bis zum 10. Januar nur zur stillen Anbetung zu gehen. Die Infektionszahlen sind immer noch hoch, und ich möchte da nichts herausfordern. Außerdem mag ich meiner Heimatgemeinde und „meinem“ Pfarrer nicht in den Rücken fallen, und so käme es mir vor, wenn ich jetzt in einer Nachbargemeinde zur Messe ginge.

Natürlich wäre ich lieber ganz normal in der Kirche, beim Gottesdienst, mit anderen Gläubigen zusammen. Aber die Zeit ist nun einmal, wie sie ist. Dem Pfarrer ist die Entscheidung nicht leicht gefallen, mir fällt sie auch nicht leicht – aber ich halte sie für richtig. Ob sie das tatsächlich ist, weiß Gott.

Zu Neujahr durfte ich ein wundervolles Orgelkonzert aus meiner Heimatgemeinde im Wohnzimmer hören und anschließend die gestreamte Messe mitbeten. Ich habe den Priester nicht beneidet, der vor leeren Bänken so froh und feierlich zelebrierte. Ich habe mich an der Messe und der ausgezeichneten Predigt gefreut, habe mitgebetet, so gut es ging, und will zuversichtlich bleiben. Und ich freue mich, daß ich am 10. Januar als Lektorin dabeisein darf.

Viele meiner Freunde entscheiden anders. Ihr Argument ist: Wir dürfen uns nicht hindern lassen, an der Messe teilzunehmen, wenn es irgend möglich ist, weil die Eucharistie eben Quelle und Gipfel unseres Glaubens ist. Und solange die Coronaregeln eingehalten werden, birgt die Messe doch keine besondere Gefahr.

Diese Argumentation verstehe ich. Daß ich mich anders entschieden habe, ist aber ebenfalls verstehbar. Ich sehe derzeit durchaus eine Gefahr in gut besuchten Gottesdiensten (vor allem, weil ich nicht davon ausgehen kann, daß wirklich alle sich an die AHA-Regel halten) – allerdings schätze ich die Gefahr, solange die Regeln wenigstens im Großen und Ganzen beachtet werden, nicht als sehr hoch ein. Einkaufen zu Stoßzeiten ist vermutlich bedenklicher. Stärkeren Ausschlag gibt aber, was ich oben gesagt habe: die Loyalität zu Pfarrer und Gemeinde. Das hat für mich auch mit Gehorsam zu tun.

Gehorsam ist Teil meines Gelübdes. Und diese Zeit zeigt mir, was Gehorsam mit Abwägen und Nachdenken zu tun hat. Natürlich könnte ich sagen, daß ich aus Gehorsam zur Kirche ungeachtet der Corona-Situation weiterhin täglich zur Messe gehe. Das wäre, wenn ich es ehrlichen Herzens beschlossen hätte, ebenso gehorsam wie mein derzeitiges (hoffentlich nur sehr begrenztes) Fernbleiben.

Gehorsam mit Blindheit oder Dummheit zu assoziieren, wie viele (nicht nur religionsferne) Menschen tun, ist falsch. Der Wortstamm horchen (die verstärkte Form von hören) weist darauf hin, daß es ohne aufmerksame Betätigung des Hirns gar nichts werden kann mit dem Gehorsam. Daß auch der Aufmerksamste irren kann, und daß es für und wider ein und dieselbe Sache Argumente geben kann, brauche ich hoffentlich nicht zu erklären.

Gott helfe uns, in dieser Krise in Frömmigkeit und Gehorsam die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter KATHOLONIEN abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Kirche im Wohnzimmer

  1. Herr S. schreibt:

    Sehr geehrte Frau Sperlich, Sie tun recht daran, sich in Ihrem persönlichen Gehorsam nicht beirren zu lassen!
    Gerade kam die Meldung im DLF, dass ein freikirchlicher Gottesdienst mit 120 Teilnehmern und ohne Schutzmaske in NRW von der Polizei aufgelöst werden musste. Zahlreiche Teilnehmer versuchten sich zu verstecken.
    Veranstalter und Teilnehmer erwarten hohe Geldstrafen.

    Mein Kommentar:

    Ein unverbesserliches und höchst unverantwortliches Verhalten dieser Gläubigen!

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Davon habe ich auch gelesen, und ich bin entsetzt darüber.
      Nun gibt es natürlich zwischen „ohne Maske und Abstand zu über hundert Leuten zusammensitzen und singen“ und „jeden Kontakt vermeiden“ noch Abstufungen, z.B. das derzeit erlaubte Feiern von Gottesdiensten mit Abstand, Maske, desinfizierten Händen und Singverbot. So wie das in den großen Konfessionen derzeit üblich ist.
      Die hohen Geldstrafen finde ich übrigens sehr richtig. Da tut es den Leuten wirklich weh, und da setzt dann vielleicht auch ein Lernprozess ein.

      • Herr S. schreibt:

        Bin völlig mit Ihnen d’accord, Claudia Sperlich.
        Ich werde, sofern es weiterhin erlaubt ist, am kommenden Freitagmorgen auch wieder zusammen mit Max. 1 Dutzend weiterer Gläubigen die Hl. Messe feiern – mit allen Vorsichtsmaßnahmen wie z. B. Abstand, Atemmaske, Verzicht auf Gemeindegesang u. S. w.
        Die Feiertagsgottesdienste haben wir alle dankbar im Fernsehen mitgefiebert.
        Dankenswerterweise wird diesmal sogar am 6. Januar um 10 Uhr der Festgottesdienst aus dem Kölner Dom von Kölner Domradio via Bibel.tv gesendet.
        Darauf freuen wir uns schon ganz besonders. Und sind u. a. Bibel. tv für dieses freundliche ökumenische Entgegenkommen sehr verbunden.
        Unsere Jahresspende ist schon abgesandt.

Kommentare sind geschlossen.