Eine frühe Liedermacherin? Die Cantrix Gossypii

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, wird im Kloster Benediktbeuern zur Zeit ein musikalisches Dokument erforscht. Es handelt sich um einen rätselhaften Zufallsfund: ein lateinisches Lied, vemutlich Mitte des 14. Jhs. entstanden; man nimmt aufgrund des innigen Textes an, es sei von einer Frau geschrieben worden. Das kurze Lied beschreibt einen Sommertag, indem es eigentlich nur Eindrücke aufzählt: die Jahreszeit, die das Leben angenehm macht; der Vater und die schöne Mutter – und am Ende richtet das Lied sich an das kleine Töchterchen: Weine nicht!

Leider ist das Manuskript an einer Stelle beschädigt. Wir lesen „div s est pater“ – der Buchstabe zwischen v und s ist unleserlich. Das bedeutet: wir wissen nicht, ob von einem reichen (dives) oder einem göttlichen (divus) Vater die Rede ist. Im ersten Falle würde es sich um ein weltliches Lied handeln, in dem einfach eine glückliche kleine Familie den Sommertag genießt. Im zweiten Falle wäre es ein Lobpreis auf den Schöpfer und die schöne Gottesmutter Maria; als das kleine Mädchen, das getröstet wird, sieht sich die Autorin in diesem Falle wohl selbst.
Zwischen 1346 und 1353 wütete in Asien und Europa die Pest. Das Lied könnte in dieser Zeit entstanden sein; dann wäre es – ob es nun geistlich oder weltlich verstanden wird – ein tapferes „Dennoch“ während der Bedrohung durch die Pandemie. Es könnte auch eine Art fröhlicher Dank sein, nachdem die Familie die Pest heil überstanden hat. In diesem Zusammenhang ist zu hoffen, daß eine genauere Datierung möglich wird.

Mir wurde leider nicht gestattet, eine Photographie des Manuskripts zu benutzen; ich durfte es nur abschreiben. (Ich bin darüber einerseits enttäuscht, andererseits finde ich das wundervoll anachronistisch und habe auch wieder Sympathie dafür.) Es ist aber sicher, daß darüber noch vor Jahresende offiziell berichtet wird, und dann mit Bildern.

Besonders interessant ist die Erwähnung einer Pflanze, deren Produkte im hoch- und spätmittelalterlichen Venedig zwar schon gehandelt wurden, deren Aussehen in Europa aber noch weitgehend unbekannt war: Baumwolle (lat. gossypium). Daher rührt auch der Notname der unbekannten Autorin: Cantrix Gossypii, die „Baumwollsängerin“. Ob sie tatsächlich wusste, wie die damals im vorderen Orient schon wohlbekannte Pflanze aussah, oder ob sie sich nur in ihrer dichterischen Phantasie vorstellte, daß dies Material ja irgendwie wachsen musste, bleibt vielleicht für immer ihr Geheimnis.

tempore-estivo

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter KATHOLONIEN, LITERATUR, WELTLICHES abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Eine frühe Liedermacherin? Die Cantrix Gossypii

  1. Georg Gerschwein OSB schreibt:

    Als an der Forschung unmittelbar Beteiligter kann ich nach weiteren Manuskriptfunden mit Freuden bestätigen, dass die Komponistin auch eine frühe Vertreterin der Instrumentalmusik gewesen sein muss. Das gerade aufgefundene und stark beschädigte Manuskript eines Stückes namens „rhapsodia caerulea“ – wohl für Theorbe, Drehleier und Rummelpot – verweist in seiner die modalen Grenzen sprengenden Gewagtheit bereits auf spätere Werke. Es wird die Musikwelt bei einer eventuellen (Wieder-)Uraufführung zweifellos in Erstaunen versetzen.

  2. Maria Klemmer schreibt:

    Liebe Claudia, das ist ja wunderschön, was du da sorgfältig erforscht hast. Ich bin mal gespannt, wie das ausgelegt werden wird. LG Maria

  3. H.-J. Caspar schreibt:

    Liebe Frau Sperlich,

    was Sie beschreiben, ist trotz heutigem Datum, kein Aprilscherz und sehr, sehr schön!

    Danke und herzliche Grüße,
    Hans-Jürgen Caspar

  4. Pingback: April, April! | Katholisch? Logisch!

Kommentare sind geschlossen.