Organspende: Biblisch nicht begründbar

In der so pathetisch wie unsachlich geführten Diskussion um Organspenden wurde mir von verschiedenen Seiten mangelnde Hilfsbereitschaft vorgeworfen, weil ich gegen Organspenden bin.

Gründe für meine Einstellung habe ich bereits mehrmals deutlich dargelegt bzw. auf Artikel verwiesen, z.B. hier und hier und hier und hier.

Nun wurde ich allerdings nach einem pikierten „Von dir als Christin und Lebensschützerin hätte ich anderes erwartet“ auch mit neutestamentlichen Zitaten zugeballert, die mich dazu bringen sollten, flugs einen Organspendeausweis auszufüllen. (Die Einleitung „Du als Christin müsstest doch…“ kommt übrigens auch aus atheistischer Ecke – als ob Atheisten, die sich explizit gegen die Kirche wenden, irgendeine mehr als vage Ahnung hätten, was Christen müssen oder nicht müssen.) Ich finde diese Argumentation infam – die Heilige Schrift wird mißbraucht, mich und andere zur Organspendebereitschaft zu animieren, und es wird unterstellt, man sei kein guter Christ, wenn man keine Organe spende. (Ich bin in der Tat keine gute Christin, aber nicht deshalb.)

Vorab: der Katechismus der Katholischen Kirche erlaubt die unentgeltliche Organspende nach dem Tode, fordert aber keine Bereitschaft dazu – keine christliche Konfession kann eine solche Forderung stellen. Ob der Zusatz „nach dem Tode“ impliziert, daß nach heutigem Wissensstand katholischerseits gar keine Organspenden möglich sind, ist noch strittig, wie die gegensätzlichen Meinungen zum „Hirntod“ zeigen.

Im folgenden stelle ich die mir mit besserwisserischer Miene unter die Nase gehaltenen Zitate vor.

Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. (Joh. 15,13)

Ein tödlich Verunglückter gibt sein Leben nicht für seine Freunde, sondern verliert es aufgrund eines Unfalls. Stirbt jemand, weil er sich heldenhaft vor einen anderen wirft und selbst von einer Kugel, einem LKW oder was auch immer getroffen wird, so gibt er tatsächlich sein Leben für den anderen. Ist er kein Organspender, so wird seine Tat dadurch nicht weniger hochherzig. Ist er Organspender, wird sie nicht großartiger. Denn er rettet ja das Leben des anderen nicht mit dem ausdrücklichen Ziel, wieder anderen noch seine Organe zu schenken. Unser hypothetischer Held ist Organspender unabhängig davon, ob er sich durch eigene oder fremde Schuld totfährt, eine Kugel abfängt oder einen Selbstmordversuch lang genug überlebt, um Organspender zu werden. Jesu Wort von der Lebenshingabe als Zeichen größter Liebe hat mit der Organspende gar nichts zu tun.

Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.(Mt. 16,25)

Ich beginne mit dem zweiten Satz.
Viele Organspender verlieren ihr Leben um der Geschwindigkeit willen (weil die ihnen oder einem anderen übermäßig wichtig war) oder wegen eines eigenen oder fremden Fahrfehlers. Das ist etwas anderes als „um Christi willen“. Um Jesu willen verlieren viele ihr Leben, und möglich, daß ihre Organe in einigen Fällen explantiert werden (in China wird mit Menschen im Todestrakt angeblich so verfahren). Eine solche Organernte ist ein himmelschreiendes Unrecht und keine Spende (die ja ihrer Natur nach freiwillig geschieht). Gleich auf welche Weise jemand plötzlich als Organspender in Frage kommt, er wird es nicht um Christi willen. Was immer er um Christi willen getan oder erlitten hat, hat vor der Explantation ein Ende, wenn wir davon ausgehen, daß die Explantation nach dem Tode erfolgt. Erfolgt sie aber nicht nach dem Tode, ist sie ein Unrecht, und ein Unrecht kann nicht um Christi Willen geschehen. Wie immer unsere Meinung in der Hirntoddebatte ist, die Explantation erfolgt nicht um Christi Willen.

Nun zum ersten Satz: Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren.
Sehr schön, aber warum sagt man das nicht dem, der auf eine Organspende wartet? Gilt der Satz nur für die anderen?
Aber, kommt die anklagend-weinerliche Antwort, das sind doch Menschen, die sonst sterben würden. Und ich könne mir gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn man im Sterben liegt und durch eine Organspende gerettet werden könnte, oder wenn man um das Leben eines Kindes ringt.

Zunächst einmal: Wie es ist, nach einem fast tödlichen Unfall langsam wieder ins Leben zu finden (ohne Organspende, die in diesem Falle gar keine Option war), weiß ich aus eigener Erfahrung. Tut weh, ist mühsam, dauert lange.
Wie Eltern sich fühlen, die um das Leben ihres Kindes bangen, weiß ich von meinen Eltern. Tut weh, ist mühsam, dauert lange.
Wie es ist, eine junge, lebenslustige Freundin an den Tod zu verlieren, weiß ich auch. Tut weh.

Der Tod ist nicht schön, nicht süß, ich bin kein Romantiker. Aber es gibt ihn, und wir haben uns damit ganz brottrocken abzufinden. Als Christen haben wir die Hoffnung auf ein überwältigend schönes ewiges Leben in Fülle – also bitte hören wir doch auf, dies unvollkommene Leben auf der Erde um jeden Preis fortführen zu wollen. Es ist schön, hier zu leben, aber es hört halt irgendwann auf. Das Unvollkommene endet, um dem Vollkommenen Platz zu machen.

Aber Jesus hat Sein Leben für uns hingegeben!

Hat Er – nur ist das mit einer Bereitschaft zur Organspende gar nicht vergleichbar. Niemand spendet seine Organe, um andere von Sünden zu erlösen oder ihnen den Zugang zum ewigen Leben zu ermöglichen. Zudem gilt auch hier das weiter oben Gesagte: Man lässt sich nicht aus freiem Willen überfahren, mit dem Ziel, seine Organe zu spenden.

Jesu Selbsthingabe am Kreuz ist nicht bloß ein Upgrade zur Organspende. Es ist etwas kategorisch Anderes. Organspenden verbinden uns mit der Erde – das Kreuz mit dem Himmel.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu Organspende: Biblisch nicht begründbar

  1. meckiheidi schreibt:

    Danke, liebe Claudia! Das drucke ich mir aus und gebe es denen zum Lesen, die mir mangelnde Nächsten liebe aus diesen Gründen vorwerfen. Darf ich? Natürlich mit dem Hinweis auf dich.
    Mechthild

  2. ester769 schreibt:

    Du hast die Problematik, meines Erachtens., sehr gut herausgearbeitet.
    Spenden ist etwas aktives, wozu der Spender am Leben und Herr seiner Sinne sein muss. Es heißt ja immer, dass eine Organspende nur dann möglich ist, wenn der Spender schon tot ist, bzw sicher, unwiderruflich demnächst tot ist.
    Die oft angeführten Bibelzitate passen von daher überhaupt nicht.
    Keiner der etwas geerbt hat, wird sagen „Meine Eltern haben mir 5000€ gespendet“ Also wäre es, wenn überhaupt, korrekter. von einer Organvererbung an Unbekannt zu reden.

    Dazu kommt noch ein zweites, soooooo einfach, wie Organspendebefürworter meinen, dass das Leben mit dem Organ von jemand anderen ist, ist es überhaupt nicht.
    Der Körper wehrt sich gegen das fremde Organ, deshalb muss die körpereigene Abwehr mit Medikamenten ausgetrickst werden, und das führt dann dazu, dass jeder harmlose Schnupfen eine ernst Bedrohung darstellt. Über kurz oder lang stößt der Körper in dem meisten Fällen sowieso das fremde Organ ab, und es braucht ein neues. Hier eine offizielle Seite https://das-immunsystem.de/fuer-jedermann/organtransplantation/abstossung-und-immunsuppression/
    Klar kann man sagen, „besser eingeschränkt leben, als gar nicht!“ aber mich stört an der offiziellen Diskussion und auch an den Vorwürfen an unsereins, dass sie von keinerlei Sachkenntnis getrübt sind.
    Um mehr Erfolg zu haben bei der Transplantation, wäre es am besten die Leute denen das Herz des verunfallten Menschen eingepflanzt werden soll, nach dem Kriterium der Verträglichkeit zu wählen, aber genau das geschieht, aus nachvollziehbaren Gründen genau nicht, es wäre auch noch perverser, als das derzeitige System ist.
    Dazu kommt noch ein zweiter Irrtum, in der öffentlichen Diskussion schwingt subkutan die Idee mit, dass da einer alt und eben sehr krank geworden ist, und nun, wenn er eh schon stirbt doch seine Organe „spenden“ könnte. Auch hier wird übersehen, bzw überhaupt nicht thematisiert, das man Organe ab einem gewissen Alter und von Leuten mit eh schon diversen gesundheitlichen Problem genau nicht brauchen kann.

  3. gerd schreibt:

    Das Grundproblem bei der Organspende-Debatte ist, dass der Rechtsstaat uns zur Hilfsbereitschaft bzw. der Nächstenliebe, verpflichten will. Dabei hat keiner, der ein krankes Organ hat, ein Recht auf ein gesundes.

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