Von Figurinen, Dieben und Federn

Die Vorschriften des Dekalogs beinhalten die Absicht des Gesetzgebers selbst, nämlich Gottes. Daher lassen die Vorschriften des Dekalogs keine Dispens zu.
Thomas von Aquin, Summa theologiae, 1-2, q. 100, a. 8c

Es gibt verschiedene Motive zum Diebstahl. Die schiere Not kann zum Stehlen bewegen (und macht den Diebstahl zwar nicht in sich gut, ist aber ein stark mildernder Umstand). Habgier, Neurose und Prahlerei können zum Stehlen bringen – und, was mir neu war: irregeleitete Frömmigkeit kann das auch.

In der Kirche Santa Maria in Traspontina, nahe dem Vatikan, waren einige hölzerne Figurinen nackter Schwangerer vor einem Seitenaltar aufgestellt. Kurz vorher war bei einer Zeremonie in den Vatikanischen Gärten ein Gottesdienst gefeiert worden, bei denen zwei dieser Figurinen in einer Art „gestalteter Mitte“ eine Rolle spielten. Flugs hatten übereifrige Fromme die Holzfigürchen als Götzenbilder identifiziert und „Pachamama“ genannt. Pachamama, die südamerikanische Gottheit der Fruchtbarkeit, ist zwar traditionell nicht darstellbar – aber was kümmert das einen Zeloten! Den Hinweis des Vatikansprechers Pater Giacomo Costa, die Figur sei „weder heidnisch noch heilig“, muss man ja auch nicht lesen, oder? Mittlerweile steht hundertfach im Internet, daß es sich um „Pachamama“ handelt, um „Götzen“ – und wenn es im Internet steht, muss es ja stimmen, was? Oh halt – Pater Giacomo Costas Aussage steht auch im Internet. Aber nicht so oft. Und die Mehrheit muss ja Recht haben, weil, äh, also die Mehrheit der Guten, wobei, was gut ist, entscheiden eben die Guten, und die sind in der Mehrheit, also jedenfalls hier… alles klar?

Persönlich finde ich die Figurinen künstlerisch nicht besonders gelungen, aber das ist unwichtig. Ob man sie mag, ist nicht zuletzt Geschmackssache. Meiner Ansicht nach sollte ein katholischer Gottesdienst allerdings niemals so aufgebaut sein, daß er innerhalb der katholischen Kirche zu groben Missverständnissen führt, und Missverständnisse waren bei diesem Gottesdienst mit zwei weiblichen Aktfiguren in der gestalteten Mitte absehbar.
Auch ist die Ehrfurcht vor Müttern, vor Mütterlichkeit und Fruchtbarkeit, vor der Schöpfung zwar sehr berechtigt, darf aber nicht das Zentrum eines Gottesdienstes bilden – denn das Zentrum jedes Gottesdienstes ist Gott, und wir dürfen nicht Geber und Gabe, nicht Schöpfer und Schöpfung verwechseln.
Ich habe also an dem letzthin so hochgejazzten Gottesdienst in den Vatikanischen Gärten einiges zu bemängeln, aber nicht aus der Annahme, er sei als heidnischer Kult gemeint, sondern weil er teilweise so aussah. Das ist weit weniger schlimm als ersteres (wenn auch schlimm genug).

Die von vielen Frommen so ungnädig aufgenommenen Figurinen hatten in einer Kirche vorläufige Aufnahme gefunden, allerdings keinesfalls als Kultgegenstände. Ein Katholik hat sie vor laufender Kamera gestohlen und in den Tiber geworfen. Das war ein Verstoß gegen das 7. Gebot, außerdem durch die absehbare Bejubelung im Internet ein Akt des Hochmutes. Mit den Makkabäern wird der junge Spund verglichen, mit Bonifatius und anderen Großen. Also mit Menschen, die als analoge Bekenner einen ausgesprochen unangenehmen Tod auf sich nahmen, um Gott die Treue zu halten. Nicht mit Menschen, von denen ich im Video nicht einmal das Gesicht sehe und die im schlimmsten Fall eine Geldstrafe riskieren, wahrscheinlich nicht mal das.

Im nahen Zusammenhang mit dieser saudämlichen Aktion steht ein immer wiederkehrendes Genörgel darüber, daß bei der Amazonassynode auch Indigene in ihrem traditionellen Federschmuck erschienen. Da frage ich mich: Welchen Nörgler stört es in seinem religiösen Empfinden, wenn Frauen im Dirndl, Männer in ledernen Kniebundhosen zur Messe kommen? Und warum soll das eine berechtigt sein, das andere nicht?

Katholiken – seid keine Spießer! Seid keine Diebe! Seid einfach katholisch.
dixi.*

*für Karl-May-Fans: Hugh, ich habe gesprochen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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3 Antworten zu Von Figurinen, Dieben und Federn

  1. akinom schreibt:

    Dem Blogbeitrag kann ich nicht widersprechen. Sicher waren die Figuren „weder heidnisch noch heilig“. Und doch ist für mich ein nackter Babybauch etwas Heiliges, das man nicht zur Schau stellen sollte. Derartige Aktdarstellungen gehören ganz gewiss nicht in einen Gottesdienst. Mich erinnerten die diesbezüglichen Nachrichten und Fakenews an für mich unvergessliche Berichte, nach denen Babybäuche als Werbefläche verkauft und Frauen damit durch die Geschäftsviertel gezogen sind. Ergänzen möchte ich noch meinen Wunsch – auch wenn es vom Thema abweicht – dass bitteschön alles in den Schlafzimmern bleiben möge, das dorthin gehört. Wie unfrei sind wir doch, die wir ständig gezwungen sind Nacktheit life und in sämtlichen Medien anzuschauen. Ich glaube, dieser Wunsch hat weder etwas mit Prüderie noch mit Spießertum zu tun.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ich stimme bedingt zu. Hier war es eine Ausstellung indigener Kunst.
      Auch haben wir im Christentum viele großartige Kunst, die manchem grenzwertig erscheinen mag, wie die Maria Lactans, die Lactation Bernardi, oder Berninis wundervolle Skulptur der Heiligen Teresa.
      Mein Fall sind diese Schwangerenskulpturen auch nicht, und man hätte die Ausstellung besser in einem anderen Raum gemacht, um Missverständnisse zu vermeiden. Aber grundsätzlich habe ich gar nichts gegen diese Form der Darstellung.

  2. gerd schreibt:

    In Deutschland ist es so, dass der leitende Pfarrer (in Absprache und Gehorsam gegenüber seinem Bischof) alleine darüber bestimmen muss, was in der Pfarrkirche erlaubt ist und was nicht. Das nennt man wohl juristisch gesehen, Hausrecht. Das Entfernen von irgendwelchen Gegenständen ist ihm vorbehalten und nicht den Gästen, die sein Haus besuchen. Ich selber bin ein entschiedener Gegner von allem, was den Katholiken davon abbrigen kann, die Begegnung mit Gott in seinem Haus würdig zu vollziehen. Dazu gehören auch Darstellungen von irgendwelche geschnitzten schwangeren, die nicht die Gottesmutter darstellen. Wenn nun der Verantwortliche kein Problem damit hat ist es dann auch nicht mehr meines. Noch kann ich mir die Gotteshäuser aussuchen. Ein echtes Luxusproblem würde ich mal sagen.
    Hugh!

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