Kinder zum Wegschmelzen!

Zur Eucharistischen Anbetung bin ich am frühen Abend gemeinsam mit Freunden – meinem kleinen Patentöchterchen und ihren Eltern. Ich habe das deutliche Gefühl, Jesus schaut liebevoll und amüsiert auf die Kleine, die mit ihren vierzehn Monaten ein Gesangbuch aufschlägt, auf das rote Vorsatzblatt tippt und begeistert „Da!“ sagt. Und auf dem polierten Steinfußboden herumrutscht, in ihrer Sprache irgendetwas Lustiges erzählt, dann wieder ganz still bei Papa auf dem Schoß sitzt.
Dabei knie ich vor IHM, das geht auf eine andere, tiefere Art mitten ins Herz. Er ist der Herr. Er behüte die Kleine!

Auf dem Heimweg in der U-Bahn lese ich Lord of the Rings. Dann setzt sich neben mich eine Mutter mit zwei Kindern, das Mädchen etwa vier, der Junge etwa fünf Jahre. Das Mädchen zeigt auf den Einband.

– Ist das eine Hexe?
– Nein, das ist ein Zauberer. Guck, er hat einen Bart. Aber er ist ein ganz lieber Zauberer.
– Und ist der im Wasser?
(Tatsächlich kann das ganz grün gehaltene Titelbild den Eindruck erwecken.)
– Nein, das ist ein Wald. Guck, hier sind Gräser, und hier ein Baum.
– Was macht der da?
– Der muss ganz weit gehen, durch den Wald, und über die Berge und noch weiter, und dann besiegt er einen bösen Drachen.
– Ist der Drache wirklich böse?
– Ja, furchtbar böse. Aber der Zauberer besiegt ihn. Außerdem sind da noch kleine Leute, so klein wie du.
– Ich bin schon groß!
– Naja, du würdest dem Zauberer etwa bis hier gehen. (Ich tippe auf Gandalfs Gürtel.) Also, da sind noch mehrere kleine Leute, die helfen dem Zauberer. (Nein, ich werde jetzt nicht einer Vierjährigen die Abenteuer von Frodo und Gefährten genauer erläutern, und auch nicht, daß eigentlich Gandalf ihnen hilft.)
– Und sind da auch Hexen?
– Nein, Hexen kommen da nicht vor. Aber Zwerge und Gnome und Elfen und noch alle möglichen Wesen.

Nun mischt sich der Junge ein:
– Ich habe auch schon Bücher!
– Hast du auch Die kleine Hexe? oder Der kleine Wassermann?
– Nein.

Die Mutter korrigiert: Doch, die hast du. Du hast ganz viele Bücher.

Das Mädchen wieder, auf einmal skeptisch:
– Kannst du lesen?
– Ja, aber wenn ich jetzt hieraus vorlese, verstehst du es noch nicht. Das ist Englisch. Das lernt ihr später, und dann könnt ihr das Buch auch lesen.

Eigentlich schade, daß ich nicht noch weiter fahren musste. Mit der Mutter, die sich offensichtlich sehr freute an dem Gespräch, wechselte ich auch noch ein paar Worte, sie stimmte mir zu, daß die Gedichte in Lord of the Rings schier unübersetzbar sind.

Und Kinder – solange sie nicht von schlechten Menschen verdorben werden – sind so ganz und gar unbezahlbar, entzückend, wundervoll.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter Katholonien, Weltliches abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Kinder zum Wegschmelzen!

  1. Nepomuk schreibt:

    (Nach einigen technischen Schwierigkeiten, hier den Kommentar zu schalten:)

    Das mit dem Drachen ist aber der Hobbit. SCNR

Höfliche Kommentare sind willkommen. Erstkommentierer müssen auf die Freischaltung warten.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s