Ich bleibe.

Die Enthüllungen und Verdächtigungen in der katholischen Kirche in den letzten Wochen lassen mich nicht kalt. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht weine über diese Kirche, über die korrupten Priester, die Verbrechen begangen oder vertuscht haben, über die Kinder und die jungen Menschen, die ihre Opfer wurden, deren Vertrauen so übel missbraucht wurde, über die zumindest zweifelhafte Rolle des Papstes, über die unbescholtenen Priester, die tapfer ihren Dienst tun und dabei auf dem Zahnfleisch gehen, über die Seminaristen, die einfach nur Priester werden wollen und nun mit diesem grausigen Chaos konfrontiert sind, über das ganze Volk Gottes, in dem nun auch mehr als sonst Streit und Parteiung herrscht und von dem viele sich entfernen, über die Welt, die mit Ekel und Verachtung auf die Kirche schaut.

Man merkt, ich bin traurig.

Ich will hier nicht darauf eingehen, welche Schuld der Heilige Vater auf sich geladen hat und wieviel davon. Mir sind von gleichermaßen intelligenten und frommen Katholiken widersprüchliche Erklärungen bekannt, die jede für sich plausibel klingen. Immer wieder versuche ich, mir ein sinnvolles Urteil zu bilden, und immer wieder scheitere ich, weil die Sache so verworren ist.

Jesus Christus hat versprochen, daß auch die Pforten der Hölle die Kirche nicht überwinden.
Vor knapp vier Jahren drohte der IS, Rom niederzumachen. Es ist ihm – vorhersehbar – nicht gelungen.
Ich bemühe mich zu glauben, daß auch die Pforten der Kirche die Kirche nicht überwinden werden. Meistens gelingt mir das.

Was die katholische Kirche lehrt, ist immer noch richtig. Es ist richtig, an den Dreieinen Gott zu glauben und Jesus Christus als Herrn und Messias zu lieben. Es ist richtig (wie ich in den über dreißig Jahren meines Christseins immer mehr erfahren habe), die göttlichen und die kirchlichen Gebote zu befolgen und die Heiligen zu verehren. Die Kirche mit ihrer Liturgie, mit den Sakramenten, den vielfältigen Gottesdiensten, dem Kirchenjahr von Advent bis Christkönig, mit ihrer reichen Kultur und ihrer sozialen Bedeutung, ist nicht nur mir Mutter und Lehrerin.

Eine pervertierte Kirche, ausgehend von Menschen, die ihr Hirtenamt für ekelhafte Machtspiele mißbrauchten, hat sich über die sichtbare Kirche gestülpt, so daß sie in vielen Teilen verzerrt und schrecklich aussieht. Ich vertraue dennoch weiter den von mir als vertrauenswürdig erlebten Priestern, Ordensleuten und Laien. Ich weiß, daß der Herr im Sakrament der Eucharistie anwesend ist, daß Er in der Absolution durch den Priester spricht, daß Er „in Seiner Kirche lebt und wirkt“, wie wir im Rosenkranzgebet sagen. Ich weiß nicht, warum Er so Schreckliches in Seiner Kirche zulässt.

Aber ich soll den guten Kampf kämpfen. Gott hat uns überwältigende Freude zugesagt – aber erst nach diesem Leben. Er hat gesagt, daß es auch falsche Propheten und schlechte Hirten geben wird. Es muss sie geben, weil alle Menschen – auch Propheten und Hirten – frei sind, sich für oder gegen die Wahrheit zu entscheiden. Es darf sie nicht geben, weil sie Gottes Liebe widersprechen. Mit diesem Widerspruch muss ich leben, so wie ich auch mit meiner eigenen Fehlbarkeit leben muss.

Ich liebe die unsichtbare Kirche, die mystische Braut Christi, und ich liebe in großen Teilen immer noch auch die sichtbare Kirche, Wohnung der Menschen, selbst wenn diese Wohnung verlaust und dreckig ist. Es geht mir dabei, als hätte jemand meinen Vater als Amokschützen, meine Mutter als Giftmischerin überführt. Aber ich bleibe. Zu wem sonst sollte ich gehen? Hier ist die Kirche, hier ist Jesus Christus.

Vielleicht werde ich erleben, daß die Apostolische Sukzession endet und damit erst die Bischöfe und dann die Priester aussterben, daß die Sakramente nicht mehr gespendet werden können (außer dem der Taufe, die im Notfall nicht nur jeder Christ, sondern jeder Mensch guten Willens spenden kann, wenn er nur die Taufformel kennt und Wasser da ist, und dem der Ehe, das sich die Brautleute gegenseitig spenden), daß wir Laien zusehen müssen, wie wir mit Gebetskreisen, Wortgottesdiensten und Andachten dabeibleiben. Ich weiß nicht, ob Gott auch das Seiner sichtbaren Kirche zumuten wird, und inwieweit sie dann noch Kirche wäre. Die unsichtbare, mystische, herrliche Kirche aber wird nicht vergehen. Jesus Christus hält sie an Seinem Herzen. Darauf vertraue ich – so gut es mir gelingt.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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11 Antworten zu Ich bleibe.

  1. gerd schreibt:

    Bei der Abschiedsrede Jesu gibt der Herr seinen Jüngern den Ratschlag „sich nicht verwirren zu lassen“, sondern an „Gott und ihn zu glauben“! Das sagte er noch bevor die Jünger geflohen waren und Petrus ihn verraten hat. Ein Wort, dass mich heute besonders tröstet. Es gilt für alle Zeiten. Besonders in der Gegenwart wo es genug Gründe gibt verwirrt zu sein.

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Beitrag ist editiert: Die Taufe wird uns auch in jedem Fall erhalten bleiben. Dank sei Gott. Notfalls geht das ohne Priester.

  3. akinom schreibt:

    Den Beitrag kann ich voll unterschreiben. Der große Verwirrer wütet global in Kirche und Welt, denn er weiß, das seine Zeit kurz ist. Uns bleiben die Waffen Opfer, Zeugnis und Gebet. Jesus hat uns aufgefordert, den Lehren der Pharisäer zu folgen aber nicht dem, was sie vorleben. TROTZDEM ist für mich das schönste Wort für Gott.

  4. Hubert Anton Wieder schreibt:

    Danke von Herzen für diese tröstende, ermutigende und aufbauende Mit-Teilung! Ich will auch nicht lassen von unserer Mutter, auch wenn ich sie tief verletzt und in den Dreck gezogen erlebe. Herr, erneuerte deine Kirche und fange bei mir an, weil ich ganz allein durch deine Liebe bestehen kann!

  5. Laurentius schreibt:

    Liebe Frau Sperlich,
    herzlichen Dank für Ihren Beitrag, der trotz aller (nur zu) berechtigter Traurigkeit den Blick auf das Wesentliche lenkt. Ich habe mir angewöhnt, mich neben Bibel und Katechismus dem Schönen, Wahren und Guten in unserer Kirche zuzuwenden.
    Musik, Architektur, Literatur, das Leben unserer Heiligen.
    Alles hilft, wenn man mal wieder am aktuellen Bodenpersonal verzweifeln möchte. Was uns auch immer heute verwirren und verschlingen will, eine Messe von Palestrina gehört oder ein Gedicht der Gertrud von le Fort gelesen oder mit Chesterton gelacht oder an Clemens August von Galen gedacht oder mit Thomas von Aquin vor dem Tabernakel in einer gelungenen Kirche (z. B. von Carl Moritz) gebetet und schon klappt es wieder mit dem „Sursum corda“! Ich versuche, auf das Angelusläuten zu achten, um wie meine Vorfahren der Menschwerdung Gottes zu erinnern und die Gottesmutter zu grüßen. Den Rosenkranz nie weit weg. Von den „bestellten Seelenhirten“ habe ich das aber alles nicht gelernt!
    Das ist keine Welt- oder Realitätsflucht! Es stärkt mein „Immunsystem“. Mir hilft es, die Ereignisse einzuordnen und eher noch schärfer zu fassen und noch deutlicher den Grad der Verlorenheit und Verrottung zu benennen. Man will, daß wir vergessen, ignorieren, zu geschichtslosen Gestalten werden, die im Jetzt orientierungslos und somit leicht lenkbar umherirren, kirchlich und politisch. (Die Formel „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ eines E. Honecker ist abgründiger, als sie zunächst scheint.)
    Die unsichtbare Kirche, die Schar der Heiligen, sie ist da, sie umgibt uns, kann uns helfen.
    Die Geschichte liefert uns die Vorbilder, die uns und unser Handeln prägen können.
    „Nec laudibus, nec timore“ (von Galen) müssen wir sein.
    Die Kirche hat keine Novitäten zu verkaufen.
    Es ist „semper idem“ (Ottaviani):
    Ego sum via, veritas et vita!
    Was auch passiert, ich bleibe katholisch!

  6. FJansen schreibt:

    Sind es nicht doch vor allem falsche Rücksichtnahme sowie eine – wenn überhaupt nur – vage Verkündigung der Lehre, die auf den Welt- und Zeitgeist eingehen möchte, und sich in Folge des Zweiten Vatkanums etabliert hat, die all die Verwerfungen mitverursacht hat? Das gesunde Spannungsverhältnis zwischen Anspruch (Verkündidigung und Lehre) und menschlicher Begrenztheit (einschließlich dem Geschenk der Beichte und Neuausrichtung) existiert doch kaum noch. Gewisse Engführungen in bestimmten Milieus des Interbellums und der Nachkriegsjahre dürfen doch keinen Grund bilden, das Kind mit dem Bade auszuschütten.

  7. Claudia Sperlich schreibt:

    Allen Kommentatoren ein herzliches Dankeschön! Ich habe einige Kommentare erst heute, nach 2-3 Tagen, zugelassen, ganz einfach, weil ich eine Weile nicht auf mein Blog geschaut habe.
    Bei aller Niedergeschlagenheit wegen kirchlicher Unzulänglichkeiten im Großen und im Kleinen sind mir diese Kommentare ein Trost.

  8. Chris schreibt:

    Auch ich bleibe in der Kirche. Ich halte die Probleme, die es derzeit in der Kirche gibt, zwar für teilweise strukturell begründet, aber eben größtenteils menschlicher Fehlerhaftigkeit geschuldet. Neu ist beides nicht. Bei allen Unzulänglichkeiten überwiegt für mich noch immer das Gute, das es in der Kirche gibt, auch wenn sich heute viele schwer tun, es zu sehen.

    Noch eine Frage aus Interesse zu Ihrem Post, liebe Frau Sperlich: Wie könnte denn die apostolische Sukzession enden? Ich hab ein wenig in der Richtung gelesen, bin aber kein Experte… aber müssten dafür nicht erstmal sämtliche Bischöfe verschwinden?

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ja, dazu müssten die Bischöfe schwinden. Das heißt: wenn – und nur wenn – es gar keine Bischöfe mehr gibt, endet auch das Papstamt. Wenn ich sehr, sehr schwarz sehe, dann stelle ich mir vor, daß zahlreiche Bischöfe ziemlich gleichzeitig das Martyrium erleiden, die übrigen entweder am Alter sterben oder sich von der Kirche abwenden. Und es gibt Tage, an denen sehe ich so schwarz.

  9. Stefan Brand schreibt:

    Danke, liebe Frau Sperlich!
    Sie haben mir mit der Betrachtung an Mariä Geburt ganz aus dem Herzen gesprochen.
    Wir wissen nicht, wie tief es noch in den Abgrund hinab geht bis die Talsohle erreicht sein wird.
    Dass sogar die apostolische Sukzession erlöschen könnte, das ist für mich allerdings nicht vorstellbar.
    Halten wir uns an Petrus, der auf die Frage Jesu „Wollt auch ihr gehen?“ antwortete: „Herr, wohin sollen wir gehen? …“ Oder auch der erzbischöfliche Wahlspruch von Carlo Maria Viganò ist gleichsam prophetisch: SCIO CUI CREDIDI.
    Danke auch für Ihre großartigen Credo-Sendungen auf Radio Horeb!

    Incendium

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