Lektüretip: Die Dornen der Weissen Rose

Johannes Albendorf beschreibt in seinem kürzlich im Avaa Verlag erschienenen Buch Die Dornen der Weissen Rose. Auf den Wegen von Sophie Scholl und ihren Gefährten in elf Skizzen verschiedene Menschen, die der Weißen Rose auf irgendeine Weise schicksalhaft verbunden waren. Alexander Schmorell (im Buch nicht namentlich genannt) sinnt seinem eben ermordeten Freund Hans Scholl nach. Willi Graf schmuggelt den Vervielfältigungsapparat für die Flugblätter durch eine Bahnkontrolle. Der denunziatorische Pedell der Ludwig-Maximilian-Universität findet sich großartig. Zerrissen von Trauer, sucht Inge Scholl gemeinsam mit ihrem Freund und späteren Ehemann Otto Aicher die Wohnung ihrer ermordeten Geschwister auf. Alexander Schmorells Anwalt erlebt beschämt und am Staat zweifelnd seine vollständige Machtlosigkeit. Professor Kurt Hubers Witwe Clara erlebt im Nachkriegsdeutschland die angewiderte Ablehnung durch Unbelehrbare und kämpft für die Reputation ihres Mannes. Ein junger Mann erfährt mit Entsetzen, daß sein geliebter Großvater ein Gehilfe des Henkers war, der die Mitglieder der Weißen Rose enthauptete. Gisela Schertling (auch sie nicht namentlich genannt), einst als Mitglied der Weißen Rose zu einem Jahr Haft verurteilt, setzt sich als alte Frau während einer Aufführung der Matthäus-Passion innerlich mit ihrer Schuld auseinander, während der Verhöre ihren Geliebten Hans Scholl nicht entlastet zu haben, ihn gar als äußerst unsympathischen Menschen dargestellt zu haben. An einem hohen Geburtstag spricht der alte Alois endlich davon, daß er das Kleeblatt Scholl-Schmorell-Graf-Furtwängler gekannt und bewundert hat und doch weder den Mut noch das innere Verlangen hatte, dem Unrecht zu widerstehen. Eine Schülerin unserer Tage bereitet sich auf ein Referat über die Weiße Rose vor, indem sie Christoph Probst einen Brief schreibt. Zuletzt lässt der Autor Sophie Scholl das heutige München sehen, die Gedenkstätten und Straßennamen für die Weiße Rose wahrnehmen und zugleich die brutale Ausdrucksweise junger Menschen.

Albendorf schreibt mit sprachlicher Virtuosität. In fast lyrischer Sprache lässt er die Mitglieder der Weißen Rose zu Wort kommen. Die spießige Großsprecherei des Pedells ist greifbar, ebenso das Ringen um Anerkennung und Gerechtigkeit bei Clara Huber, um Vergebung und Versöhnung bei Gisela Schertling und Alois. Die gemobbte Schülerin, die Christoph Probst bewundert und ihm ihr Herz ausschüttet, und die so verblüfft durch das moderne München gehende Sophie Scholl sind auf ganz verschiedene Weise höchst gelungen dargestellt. Besonderen Wert legt der Autor auf die Darlegung der Motive: der christliche Glaube ist bei den Mitgliedern der Weißen Rose ausschlaggebend für ihr Handeln. Bei dem verräterischen Pedell ist es Geltungssucht und Geldgier, bei anderen spielen Angst, Scham und Reue eine Rolle bei früherem und jetzigem Handeln – und die briefschreibende Schülerin sucht einen Freund und ein Vorbild. Keine schlechte Idee, sich dafür an einen zu wenden, der im Martyrologium steht!

Das Buch liest sich schnell, und man kann es doch auch langsam durcharbeiten, denn jedes Kapitel macht Lust, noch ein wenig nachzuspüren und nachzuforschen. Ich empfehle das Buch wärmstens.

Johannes Albendorf: Die Dornen der Weissen Rose. Auf den Wegen von Sophie Scholl und ihren Gefährten. Erzählungen, Aavaa Verlag 2018. 144 Seiten, 11,95 €

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Lektüretip: Die Dornen der Weissen Rose

  1. akinom schreibt:

    Ich habe zweimal hinschauen müssen, als ich diesen Blogbeitrag fand: Um meinem Hals hängt nämlich ein silbernes Kreuzchen, das mit Sophie Scholl im Münchener Gestapokeller gewesen ist! Das Kreuzchen ist ein altes Familienerbstück von Birgit Schneider, die es von Kindheit an getragen hat. Frau Schneider hat – obwohl seit Jahren erblindet – bis zu ihrem Tod täglich mehrere Stunden am Flügel gesessen und aus dem Gedächtnis gespielt. Am 14. April 2016 ist sie im Alter von 93 Jahren gestorben.
    Birgit Schneider war eng mit Sophie Scholl befreundet. Zusammen mit den Mitgliedern der Weißen Rose wurde sie im Februar 1943 wurde sie im Gestapogefängnis in München inhaftiert. Auch dort hat sie das Kreuzchen getragen. Als einzige wurde sie durch einen befreundeten Schriftsteller – Ernst Penzoldt – , der damals sehr bekannt und mit dem Gauleiter von München befreundet war – am Tag vor dem Prozess, der für die anderen mit der Hinrichtung endete, aus dem Gefängnis herausgeholt.
    Als Dank für die langjährige seelsorgliche Begleitung hat Birgit Schneider das Kreuzchen einem Priester vermacht, der mit mir verwandt ist. Er hat am letzten Samstag sein Goldenes Priesterjubiläum gefeiert. Gottes Wege….

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