Was wäre, wenn es keine Religion mehr gäbe?

Die Idee begegnet mir in den sozialen Medien ständig, im dreidimensionalen Leben gelegentlich: Man kann ja glauben, was man will (zuweilen auch: Man muss natürlich an den Herrn Jesus Christus glauben), aber Religion ist ein überflüssiger Ballast / hat Er nie gewollt. Als Argument wird gerne sämtliche je im Namen der Religion verübte Gewalt zitiert, besonders die der Kirchen und hier besonders die der Katholischen Kirche, dies in der Regel mit Phantasiezahlen und ohne irgendeine Ahnung von Sachverhalten und Zusammenhängen. Josef Bordat widerlegt solche Aussagen mit wissenschaftlicher Genauigkeit und gut lesbar.

2010 gehörten 83,6% der Weltbevölkerung irgendeiner Religion an. Nach einer Prognose, deren Plausibilität ich allerdings nicht beurteilen kann, werden es 2050 86,8% sein, bei etwa gleichbleibendem Prozentsatz der Christen aller Konfessionen und einem etwas höheren Prozentsatz an Muslimen. (Quelle: statista). Diese Zahlen sagen nicht, wie ausgeprägt im Individuum der Glaube ist, wie hoch das Wissen über die eigene Religion, wie tief die Frömmigkeit – und auch nicht, ob die wenigen Konfessionslosen nur keine Religion oder auch keinen Glauben haben. Aber sie zeigen, daß ein religiöses Empfinden für die meisten Menschen normal ist.

Angenommen, der Glaube an Gott oder Götter oder irgendwelche übersinnlichen Mächte würde sich weltweit und konfessionsübergreifend so dramatisch ändern, daß kein religiöses System sich mehr halten könnte. Meiner Ansicht nach wäre die Folge zunächst ein Wildwuchs an verschiedenen religiösen Ideen, von denen keine sich in einer strukturierten Religion manifestieren könnte. Es gäbe unter allen, die früher einer bestimmten Richtung ihrer Religion gefolgt waren, dann schwindendes Wissen um die Grundsätze dieser Religion. Nach vier oder fünf Generationen der weltweiten Religionslosigkeit wüßten vielleicht noch einige Historiker, was die wichtigsten Grundsätze und prägenden Texte der verschiedenen Religionen waren. Kurze Grundgebete würden sich noch eine Weile halten, aber schon bald in verschiedenen, widersprüchlichen Versionen kursieren. Ohne den Rahmen der Religion wäre es ja zulässig, grundlegende religiöse Texte nach Gutdünken zu ändern.

„Es gab da mal einen Jesus, der war gut und war ein Heiler, und irgendwie lebt der auch immer noch, so in uns oder so ähnlich“ würde zu einer respektierten Überzeugung (und Ähnliches geschähe anderen Religionsgründern).

Die Folge davon wäre zunächst ein großer Wissens- und Kulturverlust. Sämtliche religiösen Bauwerke würden umgewidmet oder abgerissen; religiöse Kunst bliebe unverstanden. (Letzteres ist ja bereits vielfach der Fall.) Warum eine Woche sieben und nicht fünf oder zehn Tage hat, warum sehr viele Menschen unabhängig von ihren Überzeugungen im Dezember ein fröhliches Familienfest feiern, daß es überhaupt geprägte Zeiten und besondere Tage im Jahr gab, das würde ebenso vergessen wie die Bedeutung der meisten Literatur. (Auch Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ und Camus‘ „Pest“ lassen sich ohne ein gerüttelt Maß an Wissen über Religion nicht verstehen.) Von Musik ganz zu schweigen: Man könnte das meiste noch hören, aber nicht mehr lauschen. Der „Tatort“ würde eventuell besser, denn er müsste ohne Seitenhiebe auf die Religion auskommen. (Wie will man schlagen, was es gar nicht gibt?)

Aber, bah, Kultur. Gibt es nichts Wichtigeres? Wäre nicht in Afghanistan Frieden? – Nein. Denn eine Räuberbande, die Drogen und Kunstschätze verkauft, um ein Land unter der Fuchtel zu halten, fände auch ohne den Mißbrauch einer Religion Wege, genau das zu tun. Es gäbe auch weiter repressive Erziehung, Unterdrückung von Frauen, unmenschliche Arbeitsbedingungen – das alles gibt und gab es in allen ganz offiziell religionslosen Systemen. Man braucht keine Religion, um schlecht zu sein. Nur gäbe es weniger Organisationen, die sich für die Opfer von Diktaturen einsetzen. Denn solche Organisationen sind mehrheitlich religiös geprägt.

Danton, Robespierre, Mao Zedong, Hitler, Stalin, Pol Pot, Kim Jong Un und viele Vergleichbare standen bzw. stehen den Religionen feindlich gegenüber. Religiös motivierte Herrschaft kann schrecklich werden, muss aber nicht. Religionsfeindliche Herrschaft war und ist immer verheerend. Wenn es keine Religion mehr gäbe, bliebe auf der ganzen Welt nur noch die krasseste Tyrannei. Aber wahrscheinlich fände man das bald normal, denn man hätte ja nichts anderes.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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3 Antworten zu Was wäre, wenn es keine Religion mehr gäbe?

  1. gerd schreibt:

    „Als Argument wird gerne sämtliche je im Namen der Religion verübte Gewalt zitiert“

    Das ist im übrigen das „einzige“ Argument, welches die Anhäger der „Von Gott los“ Religion ins Feld führen. Im Gegensatz dazu wäre das Argument zu bringen, was denn alles an segensreichem Wirken im Namen der Religion, hier im besonderen der christlichen, hier wieder im besonderen der katholischen Konfession auf dieser Erde vollbracht ist. So ziemlich alles, was wir als technischen, sozialen und karitativen Errungenschaften auf diesem Planeten verzeichnen können, hat christlichen Ursprung, inc. das Internet, wo der Mensch in Freiheit, darüber spekulieren kann, wie eine Welt ohne Religion aussehen könnte.

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