Was wäre, wenn es kein Christentum gäbe?

Also nicht „nicht mehr“, sondern gar nicht? Wenn der Herr es sich anders überlegt hätte, wenn die Jünger aufgegeben hätten, wenn es nicht die geringste Überlieferung jener seltsamen jüdischen Gruppe gäbe?

Es gäbe also eine monotheistische Religion, das Judentum, und das hätte sich ohne die Konkurrenten Christentum und Islam vermutlich anders entwickelt. Aber da es keine Mission kennt und seit früher Zeit zahlreiche Feinde hat, hätte es wohl nicht viel mehr Mitglieder als unter den tatsächlichen Umständen.

Die Idee der Feindesliebe gäbe es – sie wohnt dem Judentum inne (aber außerhalb des Judentums, das weniger bekannt wäre als es heute tatsächlich ist, nur schwach ausgeprägt). Der Hinduismus würde, ebenso wie der Buddhismus, zur Nachsicht aufrufen, aber nicht so betont wie Gandhi es tat – denn Gandhi war stark geprägt durch die Lektüre von Tolstois Sachbuch „Das Himmelreich in euch“ und der Korrespondenz mit dem Autor, und ohne Christentum wäre dies Buch nicht geschrieben worden.

Judentum, Hinduisms und Buddhismus geben mindestens Hinweise, daß Rache schlecht und Vergebung gut ist. Aber die Radikalität, mit der Jesus Christus die Fendesliebe zum Gebot erhob, gäbe es ohne das Christentum nicht, und auch nicht besonders starke Missionsbestrebungen.

Europa hätte ein völlig anderes Aussehen ohne das Christentum. Vermutlich wäre es von einer ungeheuren römischen Großmacht in Provinzen aufgeteilt, die mehr oder weniger gut regiert würden. Stammesfehden wären an der Tagesordnung ebenso wie das blutige Eingreifen der römischen Besatzungsmacht. In Europa gäbe es kein Judentum, da außerhalb des Heiligen Landes ein radikaler Monotheismus nicht geduldet würde – Weihrauch für den Kaiser wäre überall Pflicht. Gegen das Verfüttern von Aufständischen an Löwen würde höchstens PETA demonstrieren, weil die Löwen vorher längere Zeit hungern und weil die Fahrt in Containern von Afrika nach Europa nicht artgerecht ist.

Wie die Kunst sich entwickelt hätte, kann man kaum ahnen – nur, daß es in Architektur, Literatur, Musik, Bildender Kunst und Volksbräuchen nichts gäbe, was christlichen Ursprungs ist. Führen Sie sich Ihre liebsten Werke vor Augen oder Ohren – wahrscheinlich gäbe es sie nicht.

Sklaverei wäre normal. Vermutlich gäbe es hie und da Stimmen, die zum menschlichen Umgang mit Sklaven aufrufen – aber strikte Gegner der Sklaverei wären seltene Käuze.

In meiner Heimat Berlin, einem nicht besonders nennenswerten Flecken des Mitteleuropäisch-Römischen Reiches, würden westslawische Stämme ihren kleinen Handel treiben und ihre kleinen Händel austragen. Das sumpfige Umland schüfe ein ungesundes Klima. Ich trüge wahrscheinlich in drei Vierteln des Jahres ein schlichtes Bärenpelzwams gegen die Kälte. Vor den gelegentlichen Menschenopfern meines Stammes würde ich mich ein bißchen ekeln, aber ich sähe ein, daß die Götter das fordern. Der fast vollständig männlich dominierte Götterhimmel der Slawen würde mir übrigens klarmachen, daß ich als Frau eigentlich nichts zu melden habe. Erlösung gäbe es nicht für mich, nur ewige Wiedergeburt.

Ich bin nicht nur deshalb froh, daß es das Christentum gibt.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter HÖLLISCHES, KATHOLONIEN, WELTLICHES abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.