John Ogilvie – ein Mann, der der Folter widerstand

Der Heilige John Ogilvie (1579-1615) stammte aus einer calvinistischen Familie in Schottland. Als Jugendlicher bereiste er Europa und lernte dort den Katholizismus kennen und lieben. Mit 17 Jahren konvertierte er in der schottischen Hochschule in Belgien, an der er studierte. Die Schule schloss wegen finanzieller Schwierigkeiten, und er wechselte erst zu einer von Benediktinern betriebenen Hochschule, dann an das Kolleg der Jesuiten in Olmütz. Er trat 1599 den Jesuiten bei und studierte Philosophie und Theologie in Graz, Wien und wiederum Olmütz. 1610 wurde er in Paris zum Priester geweiht.

John Ogilvie wollte in seiner schottischen Heimat missionieren. Dort war der Katholizismus illegal und wurde streng verfolgt. Drei Jahre lang wirkte er in Rouen, Frankreich, bevor er – als „Pferdehändler John Watson“ – nach Schottland gelangte. In Edinburgh war seine Missionsarbeit sehr erfolgreich; er versöhnte viele Menschen mit der katholischen Kirche. In Glasgow gelang ihm das bei vier Menschen; ein fünfter verriet ihn an den protestantischen Erzbischof und half, Ogilvie gefangenzunehmen.

Der wesentliche Vorwurf hatte mit der Missionstätigkeit wenig zu tun: Ogilvie weigerte sich, die Oberhoheit des Königs über die Kirche anzuerkennen. Das galt als Hochverrat. Er erlitt schwere Folter, auch langen Schlafentzug, ließ sich aber nicht dazu bewegen, seinem Glauben abzuschwören, das königliche Supremat anzuerkennen oder irgendeinen Gläubigen zu verraten. Das Urteil lautete auf Erhängen und anschließendes Vierteilen.

Über seine Gefangenschaft samt Verhören und Folterungen schrieb er detailliert in lateinischer Sprache. Mitleidige Besucher schmuggelten den Bericht Blatt für Blatt aus der Zelle. Unter dem Titel „Relatio incarcerationis“ (Bericht über die Gefangenschaft) ist er erhalten. (Hier geht es zu einem 1616 erschienenen digitalisierten Druck.) Hungrig, krank, gefoltert schaffte Ogilvie es noch, klar Rede und Antwort zu stehen – und nicht ohne bissigen Witz:

Iam vigesima sexta hora erat cum nihil gustaveram et febri laborabam, et licet clamore disputationis incalescerem, paroxismus tamen superveniens me algere fecit, et sic ad ignem iussus sum recedere; ibique a Boreali Scoto et paene concivi, nequam compellor et periurus mendax, qui honestum mentitus cognomen, scelestam professionem palliassem, se effecturum brevi ut nobile nomen Ogilbeorum infami Iesuitica labe non diu foedaretur. Et si tot circumstantium Nobilium et Aulae Episcopalis ratione non haberet, se ait, se statim me in lucentem caminum missurum. Respondeo, si in ignem me mittere decrevisset, numquam commodius id accidere posse quam nunc cum valde frigeam, sed illi cavendum ne cineres et carbones per domum spargerem, et sic ipsum coactum iri ut domum verreret quam foedari fecisset.

Seit 26 Stunden hatte ich nichts gegessen und litt unter Fieber, es mag auch sein, daß mir durch den Lärm der Diskussion heiß geworden war; da überkam mich ein Fieberschub, und mir wurde kalt. So war ich gezwungen, wieder ans Feuer zu gehen. Kaum habe ich mich aufgemacht, weg vom schottischen Nordwind, werde ich als Taugenichts beschimpft und als verlogener Meineidiger, der einen ehrlichen Nachnamen erschwindelt hat, um eine verbrecherische Tätigkeit zu verbergen, und der schnell machen solle, daß der edle Name der Ogilvies nicht länger durch einen schmachvollen jesuitischen Schmutzfleck besudelt werde. Und einer fragt, ob so viele Anwesende des Adels und des bischöflichen Hofes nicht das Recht hätten, mich sofort ins Kaminfeuer zu werfen. Ich antworte, hätten sie beschlossen, mich ins Feuer zu werfen, so könne mir das nie gelegener kommen als jetzt, da ich sehr friere, aber er müsse achtgeben, daß ich nicht Asche und Kohlen im Haus verstreue und so er selbst gezwungen werde, das Haus zu fegen, das er hatte verschmutzen lassen.

Übersetzung: Claudia Sperlich

Die letzten drei Stunden seines Lebens verbrachte John Ogilvie im Gebet. Er betete noch auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte den Rosenkranz, bis ihm die Hände gebunden wurden. Vielleicht machte das doch einen gewissen Eindruck auf seine Richter – zumindest das Vierteilen unterblieb (so jedenfalls der Artikel auf der Seite jesuits.global, der mir sehr genau scheint).

Auch heute versuchen weltliche Machthaber und Machtwoller, der Kirche dreinzureden. In China, Nordkorea, sämtlichen sozialistisch oder muslimisch geprägten Ländern, und in geringerem, aber bereits beunruhigendem Umfang auch in „eigentlich“ christlich geprägten Ländern wird die Kirche drangsaliert. Ob Folter zulässig ist, wird (wenn auch in anderen Zusammenhängen) in Deutschland gänzlich schamlos diskutiert. Sollte sie je wieder gestattet werden, ist die Diffamierung Unschuldiger durch arme Menschen, die nicht die Stärke eines John Ogilvie besitzen, nur eine Frage der Zeit.

Heiliger John Ogilvie, bitte für uns.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu John Ogilvie – ein Mann, der der Folter widerstand

  1. gerd schreibt:

    Herzichen Dank für die Übersetzung. Dass dieser Heilige seine Peiniger mit Humor verspottet, zeigt das wahre Glück eines im Glauben gereiften Missionars.

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    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ja! Übrigens hat Ogilvie als letzte Tat, bevor er erhängt wurde, seinen Rosenkranz in die Zuschauermenge geworfen. Der Calvinist, der ihn gefangen hat, soll später ein glühender Katholik geworden sein.

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