Ecclesia patiens

Eigentlich wollte ich nie mehr eine Erklärung schreiben, was die katholische Kirche meint, wenn sie vom Fegefeuer oder Purgatorium spricht. Dies „Eigentlich“ nehme ich mir immer um Allerheiligen und Allerseelen herum vor, wenn in den sozialen Medien wieder einmal vehement behauptet wird, diese Feiern seien ein „unbiblischer Totenkult“. Aber ich halte mich nie an dies Vorhaben.

Gestern, zu Allerheiligen, haben wir der Seelen gedacht, die bereits in Gottes Herrlichkeit sind. Zugleich haben wir bedacht, daß alle Menschen zur Heiligkeit berufen sind und daß der Schlüssel, um diesem Ruf zu folgen, die Liebe zu Gott ist.

Heute beten wir für jene Seelen, die bereits ganz eindeutig auf dem Weg in die himmlische Herrlichkeit sind, aber noch nicht ganz dort angekommen. Das Fegefeuer ist ein Reinigungsort (oder besser „-zustand“), in dem die Seele von allem befreit wird, was als Folge der Sünde noch beschwerend an ihr haftet. Ich habe das in einem Gedicht versucht nachzuvollziehen:

 Purgatorium
 
 Meine Sünden ziehen Bahnen,
 weiter, als ich sehe,
 Folgen kann ich kaum erahnen,
 bis ich vor Dir stehe.
 
 Jeden werd ich sehen, jeden,
 den ich je verletzte,
 den mein Gift geschliffner Reden
 je ins Unrecht setzte,
  
 Jeden auch, dem ich versagte
 seinen Teil der Gaben,
 jeden, über den ich klagte,
 ohne Grund zu haben,
  
 Jeden, den ich falsch gerichtet,
 vorschnell ausgeschlossen,
 den mein Leichtsinn hat vernichtet,
 dessen Blut geflossen,
  
 Jeden, den ich zwang zu dulden
 Worte oder Taten,
 Jeden, der durch mein Verschulden
 selbst in Schuld geraten...
  
 Herr, ich darf schon heute wissen:
 Du wirst mir vergeben.
 Doch erst wird mein Herz zerrissen -
 und dann kann ich leben. 

aus: Claudia Sperlich, Lass mich bekennen Deine Mandelblüte, tredition 2015

Es ist also eine hoffnungsvolle Vorstellung! Witzig und verständlich erklärt ist das Purgatorium auf diesem Youtube-Video.

Zum Vorwurf, das Gebet für Tote sei unbiblisch, weise ich auf folgende Bibelstelle hin: 2 Makk. 12,39-45 – dort wird ausdrücklich von einem Sühnegebet und -opfer gesprochen, das für tapfere, aber mit Sünde beladene Gefallene vollbracht wird. Kernsatz: „Es ist ein heiliger und heilsamer Gedanke, für die Verstorbenen zu beten, damit sie von ihren Sünden erlöst werden. Sofern der Mensch sich nicht vor seinem Tod in freier Entscheidung gänzlich von Gott abgekehrt hat, ist das Gebet für den Verstorbenen sinnvoll.

Und wenn der Verstorbene, für den wir beten, längst im Himmel bei Gott ist? Oder aber leider in der Hölle? Auch dann gehen Gebete nicht verloren. Gott wird ein Gebet, das dem, für den es gebetet wird, nicht mehr nützen kann, doch zu etwas Sinnvollem machen – das dürfen wir Ihm zutrauen.

 Allerseelen
 Melodie: Befiehl du deine Wege
  
 Die Seelen, die voll Bangen,
 den Sinn zu Dir gekehrt,
 nach Dir, Herr Gott, verlangen,
 doch noch von Schuld beschwert,
 noch büßen alten Schaden,
 noch leiden am Gericht –
 nimm sie zu Dir in Gnaden,
 heb sie hinauf ins Licht!
 
 Geht unser Weg zu Ende
 mit unbeglichner Schuld,
 so reich auch uns die Hände
 In Güte und Geduld.
 Mach unsre Schluchten eben,
 mach uns für Dich bereit!
 Dann schreiten wir ins Leben,
 zum Leben ganz befreit. 

© Claudia Sperlich

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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