Geschlechtergerecht sprechen in Paderborn

Das Erzbistum Paderborn macht jetzt auch in geschlechtergerechte Spreche, äh, Sprache. Hier des Generalvikars Alfons Hardts Geleitwort zum Leitfaden, gerichtet an die lieben Mitarbeitenden. (Wenn sie gerade Mitarbeitende sind, haben sie keine Zeit, das zu lesen – wenn sie Zeit haben, das zu lesen, sind sie nicht Mitarbeitende, sondern Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.)

Zum Download liegt dort bereit der „Praxisleitfaden für geschlechtergerechte Kommunikation“ – und im Untertitel wird er schrecklich ausführlich:

in der Liturgie und bei Ansprachen
in Formularen und Mitteilungen
in offiziellen Briefen und Schreiben
in Pfarrbriefen und im Internet
in Berichten und Verträgen
intern wie extern

In der Liturgie! So steht es da.

Vorab: Nicht alles ist schlecht. Zwar finde ich den anfänglichen wortreichen Schmäh über das böse generische Maskulinum schlicht peinlich, aber in der Tat gibt es dann Vorschläge zur Formulierung, von denen einige gut sind.

Doppelnennungen: „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ – unter Vorbehalt, da diese Formulierung diversen Menschen nicht gerecht wird

Nicht weil es abscheulich umständlich klingt, sondern weil es Diversen nicht gerecht wird, soll man auf diese Formulierung also verzichten. Diverse, die einen Sinn für sprachliche Schönheit haben, dürften sich davon geohrfeigt fühlen.

Geschlechtsneutrale Begriffe: „Abteilungsleitung“ statt „Abteilungsleiter“

Ja, und Lehrkraft statt Lehrer, Arbeitskraft statt Arbeiter usw.
Das ist monströs. Denn damit wird der Mensch, der seine Arbeit tut, auf seine Funktion in dieser Arbeit reduziert. Das ist eine sprachliche Entfremdung vom Arbeitsplatz, die vorgibt, den Abteilungsleitern, Abteilungsleiterinnen, Lehrern, Lehrerinnen, Arbeitern, Arbeiterinnen usw. gerecht zu werden – in Wirklichkeit werden sie dadurch aber sprachlich entmenschlicht.

Substantivierte Partizipien: „Mitarbeitende“ statt „Mitarbeiter“

Wie eingangs angedeutet, ist das schlichtweg falsch. Eine Mitarbeitende bin ich dann und solange ich mitarbeite, also im Falle eines meiner Jobs Montag, Mittwoch und Freitag vormittags. Eine Mitarbeiterin bin ich aber, solange ich diesen Job überhaupt habe (also hoffentlich bis zur Rente).

Verben oder Adjektive anstelle von Substantiven: „Verfasst von“ statt „Verfasser“

Dies Beispiel ist tatsächlich gut – aber wenn es einen Verfasser oder eine Verfasserin gibt, kann man genauso gut schreiben: Verfasser XY oder Verfasserin YZ. Nur bei mehreren Verfassern verschiedenen Geschlechts wäre „verfasst von“ deutlich genauer.

Verallgemeinernde Relativpronomen: „Zur Teilnahme berechtigt sind“ statt „Mögliche Teilnehmer“

Kann man so machen, wenn man sich am generischen Maskulinum stört.

Alle statt jeder

Nein! Denn das sind verschiedene Bedeutungen.
Versuchen wir es mal (vielleicht mit einem schrägen Blick auf eine britische Komikertruppe) mit dem Satz „Jeder Mensch trägt ein Kreuz.“ Das ist ein eindeutiger Satz. Wenn wir sagen „Alle Menschen tragen ein Kreuz“, so gibt es zwei Lesarten: Allen Menschen ist gemeinsam, daß sie ein Kreuz tragen – oder: Alle Menschen tragen gemeinsam ein einziges Kreuz.
Kurz: „Alle“ meint die Gesamtheit, „jeder“ das Individuum als Teil einer Gesamtheit. Es hat einen Sinn, daß wir da zwei verschiedene Wörter haben und daß das eine den Plural, das andere den Singular nach sich zieht.

Direkte Ansprache: „Füllen Sie den Antrag vollständig aus“ statt „Der Antrag ist vom Antragsteller vollständig auszufüllen“

Einerseits könnte man die Worte „vom Antragsteller“ auch einfach auslassen, da sie jedem, der imstande ist, einen Antrag zu stellen (wofür auch immer), von selbst klar sind. Andererseits ist „dies und jenes ist zu machen“ eine bürokratische Ausdrucksweise besonderer Hässlichkeit.
„Charta postulationis explenda est“ ist gutes Latein, aber die wörtliche Übersetzung „Der Antrag ist auszufüllen“ ist schlechtes Deutsch. Hier ist der Vorschlag des Leitfadens wirklich eine Verbesserung.

Vermeidung zusammengesetzter Substantive mit maskulinem Wortstamm,
also: „Kurse für Küsterinnen und Küster“ statt „Küsterkurse“

Warum einfach, wenn es auch umständlich geht? Wir haben im Deutschen die wundervolle Möglichkeit, Wörter zusammenzusetzen – und in diesem Beispiel wird diese Möglichkeit auch nicht auf die alberne Spitze getrieben. Fünf einzelne Wörter statt einem aus zwei Wörtern zusammengesetztem Wort – das ist umständlich und klingt nicht schön.

Von acht Beispielen sind drei eindeutig falsch und nur eines eindeutig besser als die Alternative. Das ist ziemlich schwach.

Statt „Putzfrau“ besser „Reinigungskraft“ wird weiter unten (wegen des Geschlechterstereotyps) vorgeschlagen. Als Dichterin und Putzfrau (ja, von irgendwas muss der Rubel rollen) wende ich ein: Wie weiter oben gesagt, werde ich mit dem Wort „Reinigungskraft“ auf meine Funktion beschränkt. Ich habe zwar Reinigungskraft – es gehört zu meinen Charismen, Dreck zu erspähen und wegzumachen. Aber ich bin nicht Reinigungskraft, sondern Putzfrau. Ich habe übrigens nichts gegen Putzmänner.

Weitere schlechte Vorschläge des Leitfadens sind:
der Chor statt die Sänger (arme Solisten!),
wenn Sie mit dem Auto fahren statt Autofahrer (umständlich!),
Hilfskräfte statt Helfer (die Helfer sind mehr als ihre Kraft – es sind Menschen. Als Frau fühle ich mich vom generischen Maskulinum „die Helfer“ nicht gekränkt, aber sehr gekränkt von dem entmenschlichenden Ausdruck „Hilfskraft“.)

Und nun zur Liturgie. Der Leitfaden sagt ja, daß man auch die Liturgie geschlechtergerecht fassen soll. Da hätte ich nun allerdings Vorschläge, an die das Bistum noch gar nicht gedacht hat.

Denn die liturgische Sprache der Römisch-Katholischen Kirche ist ja Latein! Wenn wir also die Liturgie geschlechtergerechter machen wollen, nur zu – aber dann auch richtig. Beginnen wir mit dem Kernsatz des Glaubens, dem Credo.

Zunächst einmal ist da das Maskulinum „Deus“ (Gott). Wir wissen ja, das Gott kein Geschlecht hat, daß Er/Sie/Es uns väterlich/mütterlich/irgendwie entgegenkommt. Nun ist es umständlich und auch (wegen der immer noch geschlechtlichen Zuschreibung) ungenau, Ihn/Sie/Es als „Deus/Dea“ zu bezeichnen. Aber wir haben ja das Gerundivum! Was soll man nun mit Gott/Göttin? Verehren, natürlich. Also nehmen wir für „Deus“ die neutrale Form „Colendum“, „Das zu Verehrende“.

Pater und Mater sind ebenfalls geschlechtliche Festschreibungen, da würde auch ein Ausdruck wie „Pater et Mater“, „Pater Materque“, „Pater vel Mater“ nichts ändern. Aber „Creans“ (das Erschaffende“; in der neutralen Form zu deklinieren) ist eine gute Möglichkeit. Da im Neutrum Nominativ und Akkusativ gleichlauten, ist das auch grammatisch einfacher.

Factor ist wieder, wie alle Ausdrücke auf -tor, männlich. Factor et Factrix, Schöpfer und Schöpferin, wieder zu umständlich. Das Präsenspartizip faciens ist die Lösung – mit der zusätzlichen theologisch richtigen Aussage, daß Gott/Göttin/Wasauchimmer die Schöpfung noch nicht vollendet hat, weiter schöpferisch tätig ist.

Dominus geht natürlich gar nicht, Domina auch nicht wirklich. Aber dominans, beherr/frau/schend, wieder in neutraler Deklination, ist möglich.

Schwierig wird es bei Jesus Christus; ich schlage vor, den Eigennamen hier aus Gründen der Tradition zu belassen. Durch die Akkusativform sieht das hier ja wenigstens so aus wie ein Neutrum.
Filius, Sohn, kann man ersetzen durch genitum, das Gezeugte/Geborene (zumal die lateinische Sprache der unseren hier voraushat, daß gignere sowohl zeugen als auch gebären bedeutet – ein ideales Wort). Auch ergibt sich dadurch ein feines Wortspiel: Genitum unigenitum.

homo heißt nicht Mann, sondern Mensch, das kann so bleiben. Zu beachten ist natürlich, daß es dennoch „homo factum est“ heißen muss, da factum sich ja auf dominans (n.) bezieht.

Spiritus Sanctus ist männlich, das hebräische ruach ist weiblich. Ich schlage hier vor, Spiritus durch Spiratum („das Gehauchte“) zu ersetzen.

vivos et mortuos, die Lebenden und die Toten, ist im Lateinischen wieder eine eindeutig männliche Form. Ich empfehle hier „viventia et morientia“, die Lebenden und Sterbenden (beides Neutra), zu sagen. Man könnte zwar auch „viventes et morientes“ nehmen, da diese Formen sowohl Maskulina als auch Feminina sind, aber da wären die lebenden und sterbenden Diversen ausgeschlossen.

Ecclesia, die Kirche, ist nun zwar eindeutig weiblich. Hier halte ich es aber, aus Gründen der Tradition, für sinnvoll, ausnahmsweise die eindeutige Geschlechtszuschreibung zu behalten.

Und dann sieht das geschlechtergerechteste Credo so aus:

Credo in unum Colendum,
Creans omnipotens,
faciens caeli et terrae,
visibilium omnium et invisibilium.

Et in unum dominans Iesum Christum,
Genitum Colendi unigenitum,
et ex Creante natum ante omnia saecula.
Colendum de Colendo, Lumen de Lumine,
Colendum verum de Colendo vero,
genitum, non factum,
consubstantialem Creanti;
per quem omnia facta sunt.
Qui propter nos homines et propter nostram salutem
descendit de caelis.
Et incarnatum est
de Spirato Sancto ex Maria Virgine,
et homo factum est.

Crucifixum etiam pro nobis sub Pontio Pilato,
passum et sepultum est,
et resurrexit tertia die,
secundum Scripturas,
et ascendit in caelum,
sedet ad dexteram Creantis.
Et iterum venturum est cum gloria,
iudicare viventia et morientia,
cuius regni non erit finis.

Credo in Spiratum Sanctum,
Dominans et vivificans,
quod ex Creante Genitoque procedit.
Qui cum Creante et Genito simul adoratur et conglorificatur:
qui locutum est per prophetas.

Et unam, sanctam, catholicam et apostolicam Ecclesiam.
Confiteor unum baptisma in remissionem peccatorum.
Et exspecto resurrectionem mortuorum,
et vitam venturi saeculi.

© Claudia Sperlich

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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5 Antworten zu Geschlechtergerecht sprechen in Paderborn

  1. Sokleidas schreibt:

    Liebe Frau Sperlich, ich finde es bewundernswert, wie Sie die Energie und die Geduld aufbringen, sich mit diesem Unsinn satirisch auseinanderzusetzen und sogar das Nicaeno-Constantinopolitanum so gekonnt umzudichten! Mir ist das Lachen leider vergangen; im universitären Umfeld werden wir tagtäglich mit diesem Zeug bombardiert. Es ist ein Trauerspiel, dass kein gesellschaftliches Umfeld gibt, das verschont bleibt, nicht einmal mehr die Kirche. 😥

    Christian Geyer hat in den letzten Tagen der FAZ geschrieben, die Kirche solle eine eigene Stimme in der pluralen Gesellschaft finden, und nicht meinen, die plurale Gesellschaft abbilden zu müssen. Welch wahres Wort!

    [NB: An der Uni erkennen Sie heute einen theologischen Text (selber kein Theologe, habe aber starke Berührungspunkte mit ihr) in der Regel am Gendersternchen oder Binnen-I. Was waren das für Zeiten, wo ich noch über die „Christinnen und Christen“, „Jüdinnen und Juden“ und „Musliminnen und Muslime“ genervt die Augen gerollt habe…]

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Willkommen, Sokleidas, und Dank für diesen Kommentar!
      Für mich war dieser Lateinscherz auch so eine Art Therapie – vorbeugend, damit ich nicht dem nächsten kirchlichen Sprachpfuscher gegenüber gröber werde als unbedingt notwendig.

  2. gerd schreibt:

    Was waren das für Zeiten als der Chef die Mitarbeiter begrüsste und sich keine ausgeschlossen fühlte.

  3. Thomas Jakob schreibt:

    Danke für diesen Beitrag, den ich amüsiert gelesen habe. Es ist doch immer schön, als gefühlt letzter Ritter des generischen Maskulinums festzustellen, dass es doch noch ein paar Bundesgenossen gibt.

  4. akinom schreibt:

    Humor ist, wenn man trotzdem lacht!

    Vielleicht könnte ich es ja. Aber leider kann ich als „Nicht-Lateinerin“ das „geschlechtergerechteste Credo“ nicht verstehen. Aber neu ist das alle nicht. Ich erinnerte mich an „die Bibel in gerechter Sprache“ wovon der schlaue Goggle zu berichten weiß, dass sie eine Übersetzung der biblischen Schriften aus den Ursprachen ins Deutsche ist. Dort heißt es weiter: „Sie wurde in den Jahren 2001 bis 2006 von 40 weiblichen und 12 männlichen Bibelwissenschaftlern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erarbeitet.“

    Wie gut kann ich da den „letzter Ritter des genetischen Maskulinums“ verstehen, wenn unabhängig von Kompetenz in allen Bereichen in Kirche und Staat mindestens Geschlechtergleichheit eingefordert wird. Da fehlt dann nicht mehr viel bis „Priester/innen“! So trachtet auch der vom ZdK dominierte sogenannte „synodale Weg“ danach, sich der „Lebenswirklichkeit“ des Mainstream anzupassen!

    Claudia Sperlich hat da einen anderen Weg gewählt. Ihr Ideal und Vorbild ist die „Magd des Herrn“, die die Macht und den Auftrag hat „der Schlange den Kopf“ zu zertreten.

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