Gott kommt in die Welt. Aber nicht erst zu Weihnachten.

Zu Weihnachten feiern Christen die Geburt des Herrn Jesus Christus. Viele sagen auch: Die Menschwerdung Gottes, oder: Gottes Kommen in die Welt.

Insofern wir Seine Menschwerdung am 25. Dezember ausgiebig feiern, stimmt das. Vergessen wir dabei aber bitte nicht, daß Er neun Monate früher „in die Welt gekommen“ und „Mensch geworden“ ist. Das Leben beginnt nicht erst mit der Geburt.

Die katholische Kirche feiert neun Monate vor Weihnachten, am 25. März, die Verkündigung des Herrn. „Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft, und sie empfing vom Heiligen Geist“ – so heißt es im Angelusgebet. Jesus kam als menschliche befruchtete Zelle in die Welt.

Natürlich feiert man den Geburtstag eines Menschen in besonderer Weise, und es ist verständlich, wenn auch nicht richtig, daß man davon spricht, ein Kind komme zur Welt. Man feiert zum Geburtstag, daß das Kind sichtbar lebt, und hoffentlich auch, daß die Mutter die Schwangerschaft überstanden hat. Man feiert, daß man das Kleine jetzt in die Arme nehmen kann und fähig ist, eine noch viel innigere Beziehung zu ihm zu entwickeln als während der Schwangerschaft möglich war.

Tatsächlich ist das Kind dann aber schon eine ganze Weile auf der Welt. Im Falle Jesu hat ein anderes, nur sechs Monate älteres Kind den Herrn erkannt, als der noch winzig, möglicherweise noch im Morula-Stadium war! Im Lukasevangelium schließt an die Verkündigung durch den Engel an:

In diesen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth. Und es geschah, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabeth vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Und selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.

In diesen Tagen – also wirklich kurz nach der Verkündigung, kurz nachdem Maria mit ihren Worten „Mir geschehe, wie du gesagt hast“ dem göttlichen Plan zustimmte. Sie tat das übrigens, ohne ihren Verlobten zu fragen – Gott kam für sie eindeutig vor Joseph, auch wenn ich davon ausgehe, daß sie Joseph liebte. Sie hörte Gottes Ruf und entschied selbständig, ihm zu folgen. Was für ein Vorbild! (Die Kirchengeschichte ist voll von heiligen Frauen, die Maria zum Vorbild genommen haben, indem sie Gottes Ruf folgten und dabei riskierten und oft in Kauf nahmen, von der Familie verstoßen oder für verrückt erklärt zu werden.) Soviel nebenbei zum Vorwurf, die Kirche halte Frauen klein.

Heute gilt man leicht als Fanatiker und Frauenfeind, wenn man sagt, daß eine schwangere Frau regelmäßig mit einem Menschen schwanger ist und nicht mit einem Fleischklops. Was es mit Fanatismus und Misogynie zu tun hat, wenn man sagt, keine Frau ist mit einem Fleischklops schwanger, hat mir noch niemand erklären können.

Ich empfinde es als gröbste Beleidigung einer schwangeren Frau, zu behaupten, sie trage einen Zellhaufen / Gewebeklumpen / Fleischklops in sich, wenn man von ihrem Kind spricht. Wenn übrigens gar kein Zweifel besteht, daß die Frau das Kind will, wird es auch brav als Kind bezeichnet. Das heißt, ob ein ungeborener Mensch als Kind oder als Haufen bezeichnet wird, hängt davon ab, ob man ihn will. Im öffentlichen Diskurs bedeutet das: Ob ein ungeborener Mensch ein Kind oder ein entfernungswürdiger Haufen ist, hängt davon ab, ob er erwünscht ist. Was im Uterus einer Schwangeren ist, die über Abtreibung nachdenkt, wird demnach in dem Augenblick wunderbarerweise vom Klops zum Mensch, da sie sich zum Austragen entscheidet – Menschwerdung geschieht also in unseren Tagen angeblich durch den Willensakt der Mutter. Ich wüßte nicht, was unlogischer wäre.

Jesus Christus ist in die Welt gekommen – als Mensch, d.h. als jemand, der sich von der befruchteten Eizelle zum geburtsreifen Kind entwickelte, heranwuchs und insgesamt ungefähr 33 Jahre lang als ganzer Mensch lebte. Wenn wir Seine Menschwerdung feiern – also die Tatsache, daß Er nicht allein wahrer Gott, sondern auch wahrer Mensch ist -, dann feiern wir zugleich eine unfassbar große Würde des Menschseins überhaupt. Ein ungeborener Mensch, vom Entwicklungsstand der befruchteten Zelle an, teilt eine wesentliche Eigenschaft (das Menschsein) mit Jesus. Mit Gott.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Gott kommt in die Welt. Aber nicht erst zu Weihnachten.

  1. piri ulbrich schreibt:

    Fröhliche Weihnachten!

  2. Pingback: 2018-12-26 | Gedanken zu Weihnachten | Gebetsgruppe St. Josef, Aachen

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