Noch einmal zum Zölibat

Ein evangelischer Freund sprach mich auf meine engagierte Verteidigung des Zölibats an. In wohltuender Ruhe fragte er:

Was ich nicht verstehe/weiß ist, wie der Zölibat von RKK aus der Schrift her geleitet wird?
Die mir bekannten Stellen, die von Ämtern handeln, schreiben samt und sonders die Ehe mit einer (einzigen) Frau vor?

πρεσβυτέρος (Tit 1,6)
Ältester, Alter Mann
Vorsteher, Leiter

διάκονος (1Tim 3,12)
Diakon, Diener
Kellner

ἐπίσκοπον (1Tim 3,2)
Bischof, Aufseher
Wächter, Wache

Die katholische Kirche sieht als Grundlage des zölibatären Lebens (bei Priestern, geweihten Jungfrauen und Ordensleuten sowie bei Privatgelübden) Mt. 19,12, wo Jesus nach einigen klaren Worten über die Unauflöslichkeit der Ehe auf eine geradezu ehefeindliche Bemerkung aus Seinem Jüngerkreis hinzufügt: „Denn es gibt Verschnittene, die von Mutterleib so geboren sind; und es gibt Verschnittene, die von Menschen verschnitten sind; und es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Reiches der Himmel willen. Wer es fassen kann, der fasse es!“ (So die Schlachter Bibelübertragung; die Einheitsübersetzung sagt es etwas g’schamiger: „Denn manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen.“ Schlachter ist hier nur scheinbar genauer; im Original steht εὐνοῦχος, Eunuch. Das Wort Eunuch – von εὐνὴ, Bett, und ἔχειν, haben, halten – bezeichnet ursprünglich jemanden, der keine sexuellen Kontakte hat, der allein im Bett liegt, „sein (eigenes) Bett hat“; die Bedeutung „Kastrat“ kam später hinzu. Jesus sagt also: Es gibt von Natur aus Eheunfähige, es gibt Kastraten, und es gibt Menschen, die sich selbst entschieden haben, „ihr eigenes Bett zu haben“, auf Sex zu verzichten – um des Himmelreiches willen. Und diese letzte Gruppe hat Jesus im Blick – der Verzicht um des Himmelreiches willen ist, wenn er freiwillig und im vollen Bewußtsein geleistet wird, eine gute, heiligende Sache.

Jesu Ehelosigkeit ist zwar nicht ausdrücklich in der Bibel beschrieben. Jedoch können wir davon ausgehen, da es nicht den geringsten Hinweis auf eine Verlobte oder Ehefrau oder Kinder Jesu gibt, daß Er in der Tat zölibatär lebte – um des Vaters willen. Einen Hinweis kann auch Markus 3,31-35 geben: Wer den Willen Gottes tut, ist für Jesus wie „Bruder und Schwester und Mutter“; die „Familie“ Jesu ist rein geistlich.

In 1 Kor. 7 geht der ebenfalls zölibatär lebende Paulus auf das Problem ein. „Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.“ Der Zölibatäre gibt sich ungeteilt Gott.

Der Priester, der ein Diener Gottes und zum Dienst an der Gemeinde beauftragt ist, kann als Zölibatär ungeteilt seinen Dienst tun, und er ist weit weniger erpressbar als ein Familienvater. In Zeiten der Verfolgung ist das bedeutsam – und solche Zeiten erlebt und erleidet die Kirche gerade sehr stark. Zudem ist es sicher rein organisatorisch schwierig, Verantwortung für Familie und Gemeinde zugleich zu haben.

Die junge Christengemeinde zur Zeit des Paulus kann ja noch nicht auf genug erfahrene zölibatär lebende Männer zurückgreifen; sie muss unter den Männern, die eben dazugehören, die geeignetsten aussuchen, um Presbyter, Diakone und Bischöfe zu ernennen. Und hier rät Paulus, eben solche zu nehmen, die einen sittlich reinen Lebenswandel vorweisen können, eine Frau (und nicht noch eine Nebenfrau oder eine geschiedene Frau) haben und deren Kinder es ihnen gleichtun. Solchen Männern traut Paulus einfach eher zu, unbescholten zu sein als Haushalter Gottes, nicht überheblich und jähzornig, keine Trinker, nicht gewalttätig, nicht habgierig, sondern gastfreundlich, das Gute liebend; besonnen, gerecht, fromm und beherrscht, sich an das zuverlässige Wort zu halten und in der Lage zu sein, in der gesunden Lehre zu unterweisen und die Widersprechenden zu überführen (vgl. Tit. 1,7-9 und 1 Tim. 3,1-4).

Der Zölibat ist in hohem Maße unangepasst – so unangepasst, wie die junge Kirche war. Er ist die klare Absage an das comme il faut fast jeder Weltanschauung, die katholische Kirche nicht ausgenommen (Eltern, die über den Wunsch ihrer Kinder nach zölibatärem Leben höchlich entzückt sind, dürften auch unter Katholiken die Ausnahme sein). Zölibat ist ein Gegenwicht zum modernen Normalmaß oversexed and underfed. Zölibat ist cool.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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9 Antworten zu Noch einmal zum Zölibat

  1. gerd schreibt:

    Darüber hinaus ist es noch erwähnenswert, dass Jesus in seiner Kirche lebt und wirkt. Zu den Zeiten der frühen Kirche kannte man die unbefleckte Empfängnis der Gottesmutter nicht. Heute eine Glaubenswahrheit. Wenn ich mein ganzes Glaubensleben aus der Schrift ableiten würde, müsste ich alle Wege hier auf Erden zu Fuß bewältigen. Eine Tagesreise zum nächsten Lidl-Markt?

  2. akinom schreibt:

    So fundiert hätte ich dem „evangelischen Freund“ nicht antworten können. Ich freue mich aber über seine so selten gewordenen Fragezeichen und den Verzicht auf jede Besserwisserei, die Fragezeichen mit Ausrufungszeichen totschlägt. Ich vergesse nie den Abschlussgottesdienst der Abiturklasse meiner Tochter bei der der Priester eindringlich dazu aufforderte: „Hört niemals auf zu fragen!“

  3. Herr S. schreibt:

    Sie haben Ihrem evangelischen Freund sehr Schriftzug und kompetent geantwortet, sehr geehrte Frau Sperlich.

    Es sei übrigens auch einmal darauf hingewiesen, dass z.B. auch der Buddhismus den Zölibat kennt – prominentestes lebendes Beispiel ist der hoch geachteter Dalai Lama.

    Eigenartigerweise nimmt niemand von den sonst so lautstarken Zölibatskritikern der RKK Anstoß an zölibatär lebenden Buddhisten.

  4. Zu „Mann einer Frau“: Es gibt auch das Verständnis dieser Formulierung, dass er auch kein wiederverheirateter Witwer sein soll. Diese Deutung passt wunderbar zur breiten Tradition (auch in den Ostkirchen, die verheiratete Priester kennen), dass eine Heirat nach der Priesterweihe, auch im Falle der Verwitwung, in der Regel ausgeschlossen ist.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Dank für diese Ergänzung!
      Ein Witwer ist übrigens auch bei der katholischen Kirche nicht automatisch vom Priesteramt ausgeschlossen – 1265 wurde der Witwer und Vater zweier Töchter Guy le gros Foulques zum Papst gewählt und berief als Clemens IV. den Thomas von Aquin nach Rom. Gut so.

      • gerd schreibt:

        Da bekommen die Worte „bis der Tod euch scheidet“ eine logischen Konsequenz. Das Sakrament der Ehe besteht insofern nur solange bis einer der Eheleute stirbt. Dann ist Platz für ein neues Sakrament, in diesem Fall die Priesterweihe. Wenn es nun Gott gefällt, daraus einen Papst zu „machen“, beweist es doch, dass alleine der Herr die Geschicke der Kirche bestimmt. Was ihm 1265 gefallen hat, kann auch heute noch Wirklichkeit werden.

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