Innere Emigration

Ich halte politisches Engagement in Deutschland für sinnlos.

Das war nicht immer so. Ich glaube immer noch, Demokratie ist eine gute Staatsform, und der Bundesrepublik Deutschland ist diese Staatsform ziemlich lange Zeit recht gut gelungen. Ich glaube auch immer noch, daß Freunde und Bekannte sich in Deutschland auf sinnvolle Weise politisch einbringen wollen, d.h. ich nehme ihnen ihren ehrlichen und selbständig gebildeten Willen ab. Lange Zeit war ich der Ansicht, politische Mitwirkung sei für den Staat wichtig und gut. Die Umstände waren auch anders, ich glaube, damals stimmte das auch. Vielleicht gibt es auch immer noch Menschen, die in Deutschland auf politischem Wege etwas Sinnvolles erreichen können. Ich weiß es nicht, und ich gehöre nicht dazu.

Ich bin emigriert. Nicht physisch – ich sitze immer noch an meinem Schreibtisch in Berlin, und so wird es wohl bleiben, bis man mich von diesem Schreibtisch aus dem Haus trägt, die Füße voraus. Ich liebe dies Land mit seiner einst so hohen, immer noch halbwegs beachtlichen Kultur, als deren Teil ich mich selbstbewußt sehe. Ich hoffe immer noch, daß meine schlimmsten Dystopien sich nicht völlig erfüllen, aber AfD, Grüne, Linke und Konsorten arbeiten um die Wette daran, daß wenigstens ein Teil davon wahr wird. (Was die AfD angeht: Sie ist Schuld, daß ich schon wieder eine Dystopie ausbrüte, wüster als die vorigen – aber ich bin ihr nicht dankbar dafür.)

Ich bin emigriert, fast ohne es zu merken. Irgendwann wurde mir klar, daß ich keine Nachrichten mehr lese, weil ich davon ausgehe, sie ohnehin nicht zu verstehen – nicht weil ich zu dumm bin, ich kann ja leidlich gut lesen, sondern weil sie mir politische Bewegungen zeigen, die ich mit dem denkenden Menschsein nicht in Verbindung bringen kann und gegen die ich machtlos bin. (Ich habe gewählt. Das war, was ich tun konnte. Geführt hat es zu nichts.) Für meine Passivität habe ich mich erst geschämt, man „muss“ ja informiert sein, heißt es. Aber ob ich weiß oder nicht weiß, wie die Gestalten heißen, die im Bundestag streiten und nicht fertigbringen, ein wohlhabendes Land mittlerer Größe so zu lenken, daß Gerechtigkeit, Frieden und Kultur es prägen, und welche Funktion sie im einzelnen haben, ist unerheblich.

Es fühlt sich noch seltsam an, wenn ich beim Frühstück denke „Claudia, du solltest mal wieder Zeitung lesen, vielleicht hast du ja die Regierungsbildung verpasst“. Aber ich gewöhne mich langsam daran. Im übrigen glaube ich, die größten politischen Umbrüche werden mir durch die sozialen Medien mit einiger Sicherheit bekannt.

Was ich tun kann an Gutem, das will ich tun – tue es nicht so, wie ich sollte, weil Sünderin, aber wenigstens etwas davon. Das ist: Beten, das Foodsharing durch meine Hilfe als Träger und Verteiler unterstützen, gute Bücher schreiben, mit meinem Blog etwas zur Mission und auch zum Amüsement beitragen, meine Wohnung teilen, Almosen geben, Tauf- und Firmpatin sein, in der Kirche aktiv sein und immer wieder beten.

Was ich nicht tun kann, weil ich es nicht mehr für sinnvoll halte, ist: Meine Zeit für politische Arbeit oder auch nur für Information über politische Bewegungen in Deutschland opfern. Die einzige Ausnahme ist die Lebensrechtsbewegung, insbesondere der Marsch für das Leben, denn ich werde nicht schweigend zuschauen, wie Kinder massakriert werden.

Auch in der Emigration werde ich noch sagen, daß Lüge Lüge ist. Verlogene Weiber wie Frau Weidel und pöbelhafte Lümmel wie Herr Gauland werden von mir als solche bezeichnet, wenn sie Deutschen das Deutschsein und Journalisten das Journalistsein absprechen oder vergleichbar dummes Zeug in die sozialen Medien kotzen. Und die Angehörigen scheinbar entgegengesetzter politischer Spektren brauchen sich nicht zurückzulehnen, siehe einen Absatz vorher. Ich bin noch nicht soweit, alle Politiker in Bausch und Bogen als Lumpengesindel zu bezeichnen, dazu kann ich zu gut differenzieren und erkenne an, daß Herr Özdemir zwar alles andere als mein Gesinnungsgenosse ist, aber gegenüber der AfD kürzlich sehr passende, sehr deutliche und zugleich bundestagsgeeignete Worte gefunden hat. Ich habe Politiker und andere politisch Aktive unter meinen Freunden, die ich sehr schätze.

Aber ich selbst beteilige mich nicht mehr an diesem Zirkus. Ich kann und will das nicht. Wählen werde ich, solange das in Deutschland noch möglich ist, damit die Vernichtung von sehr kleinen, alten oder irgendwie „unbequemen“ Menschen wenigstens nicht ganz ohne Schwierigkeiten vonstatten geht. Ich glaube nicht mehr, sie mit irgendetwas in meiner Kraft stehendem grundsätzlich verhindern zu können; ich kann nur vielleicht hier und da das Nachdenken so anregen, daß ein einzelnes Unrecht unterbleibt.

Ich kann auch als Emigrant subversiv sein. Meine Taktiken sind Wort und Gebet, meine bevorzugten Waffen Schreibzeug, Rosenkranz, Stundengebet und Anbetung. Mit konventionellen politischen Kampfmitteln lasst mich in Ruhe.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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9 Antworten zu Innere Emigration

  1. Gerd schreibt:

    „Verlogene Weiber wie Frau Weidel und pöbelhafte Lümmel wie Herr Gauland werden von mir als solche bezeichnet, wenn sie Deutschen das Deutschsein und Journalisten das Journalistsein absprechen oder vergleichbar dummes Zeug in die sozialen Medien kotzen.“

    Das hört sich aber nicht nach Emigration an. Das ist ein politisches Statement. Gegen die AFD oder nur gegen Weidel und Gauland? GroKo: das große Kotzen hat uns nämlich diese Politikverdrossenheit besorgt unter der nicht nur sie leiden. Und da haben die Weidels und Gaulands keinen Anteil daran. Egal was die beiden momentan erbrechen.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ich habe mich in diesem Artikel auch gegen eine andere Partei, wenn auch gemäßigter, gewandt. Mehr ist nicht drin an Meinungsäußerung zu Parteien, weil es, wie gesagt, sinnlos ist. Ich sehe das auch nicht so sehr als politisches wie als sehr persönliches Statement. Wenn Leute freche Lügen verbreiten, um anderen zu schaden, so ist mir gleich, ob sie in einer Partei sind und in welcher – da geht es ganz einfach nur um die Wahrheit. Andererseits sehe ich in der AfD eine Partei, der es nie um die Wahrheit geht, das ist beängstigend, wird von mir gelegentlich mit Hohn, Spott und Zorn bedacht, aber mehr politisches Engagement werde ich nicht aufbringen.

  2. Gerd schreibt:

    Vielleicht noch dies: Dass es in der AFD „nie“ um die Wahrheit geht ist eine sehr gewagte Behauptung, die ich so nicht teile.

    • Nepomuk schreibt:

      Ich würde die Behauptung schon teilen.

      Natürlich, recht verstanden: ich weiß weder, was in den Hinterzimmern der AfD passiert, noch schließe ich aus, daß es dem einzelnen AfD-Anhänger um die Wahrheit gehen mag, auf Grund derer er meint, mit seiner Unterstützung der AfD für das in (seiner Meinung nach) Wahrheit geringste Übel zu kämpfen, in (seiner Meinung nach) Wahrheit für notwendige Ziele dieses und jenes in Kauf zu nehmen.

      Ich schließe das nicht aus und halte es sogar für wahrscheinlich. So schlecht sind die Menschen im allgemeinen nicht.

      Aber der Partei als solcher – und das ist es, was hier entscheidend ist, geht es offenkundig tatsächlich niemals jemals um die Wahrheit, weniger noch als der CDU – und auf Grund dessen schauen ihr gegenüber sogar die Linken und Grünen noch gut aus, denn wenn sie sich auch auf in weiten Teilen falsche Ideologien berufen, so doch *immerhin* auf das, was sie selber *zumindest* subjektiv für die Wahrheit halten.

      • Gerd schreibt:

        @Nepomuk

        Also: Die Linken und Grünen sind wahrhaftiger als die Mitglieder der AFD? Verstehe ich das so richtig?

        • Nepomuk schreibt:

          Ja. Die orientieren sich an dem, was sie selber für die Wahrheit halten. Die AfD (als solche) erklärt (wenn wir ihr mal etwas Niveau und systematisches Denken unterstellen wollen) in treuer Nachfolge des Realpolitikers Pilatus die ganze Wahrheitsfrage an sich für gutmenschliches Getue, das um der Realpolitik willen zu ignorieren sei; wichtig sei, was hinten dabei herauskomme. Das ist der Unterschied.

          In dieser Hinsicht kann ein Vorsprung an Wahrhaftigkeit auch bei dem erkannt werden, bei dem das, was er immerhin für die Wahrheit *hält*, in Wahrheit nicht die Wahrheit *ist*.

  3. Nepomuk schreibt:

    Wenn ich Verschwörungstheoretiker wäre, würde ich die AfD (bei uns; und Donald Trump bei den Amis) übrigens für eine heimlich von links beeinflußte False-Flag-Aktion halten mit dem Ziel, dringend notwendige konservativ-christlich-teilreaktionäre Politikströmungen auf Jahrzehnte hinaus politisch unvermittelbar zu machen.

    Da ich kein Verschwörungstheoretiker bin, sage ich nur, daß sie sicher keine *gesteuerte* derartige Aktion ist, sondern ihr nicht zu wenig Menschen auch so auf den Leim gehen; aber der Voraussicht nach mit denselben Effekten.

    • Gerd schreibt:

      Konservativ-christliche Politik ist nicht möglich. Es gibt keine konservativ-christliche Politik. Annähernd vielleicht in Irland und Polen, aber auch da bröckelt es gewaltig. Der Werdegang der CDU ist dafür exemplarisch. Unter der Federführung und Beteiligung von „christlichen Politikern“ in Regierungsverantwortung wurden wie viele ungeborenen Leben getötet? 6-8 Millionen. Das hätte es unter einer konservativ christlichen Politik niemals gegeben.

      • Nepomuk schreibt:

        1. „nicht möglich“ ist das eine und „bisher nicht passiert“ das andere.

        2. Von der Notwendigkeit von Politikern (innerhalb oder außerhalb der Altparteien ist letztlich eine Taktikfrage), die da aufholen, wo die Union und speziell die CDU versagt hat, habe ich ja gerade gesprochen. Dies wird jetzt im öffentlichen Bewußtsein, das nur für soundsoviele Richtungen wirklich Platz hat, von der AfD feindlich übernommen; das ist das Problem.

        3. Bei der Abtreibung gehört zur vollen Wahrheit dazu, daß die Union hier zumindest bremsendes Element war und daß die Kinder nicht vom deutschen Staat, sondern von ihren jeweiligen Müttern und deren Ärzten (teilweise auf Aufforderung der Väter) ermordet werden.

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