Die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki sollten angeblich viel mehr Todesfälle verhindern, als sie zur Folge hatten. Das ist ein äußerst schwaches Argument für den Einsatz eines Massenvernichtungsmittels.
Erstens weiß man schlichtweg nicht, was passiert wäre, wenn etwas anderes nicht getan worden wäre. Oder einfacher: Was wäre, wenn es anders wäre, als es ist? Keine Ahnung.
Zweitens darf man keine Unschuldigen töten. Einfach gar nicht. Auch keine japanischen Zivilisten und koreanischen Zwangsarbeiter (das waren nämlich im Wesentlichen die Opfer). Und eigentlich sollte das jedem Menschen einleuchten.
Abgesehen davon ist die Bewahrung von viel mehr Leben möglicherweise nicht mal der wahre Grund für die Atombomben auf Japan. Dazu mehr bei Wikipedia und anderswo; ich kann das nicht beurteilen, halte es aber nicht für völlig an den Haaren herbeigezogen. Menschen sollen ja schon öfter mal gelogen haben.
Die Zivilbevölkerung Japans wurde zwar von amerikanischer Seite vor Luftangriffen gewarnt. Dass es die Atombombe gab und was die voraussichtlichen Wirkungen sein würden, wurde jedoch nicht erwähnt, angeblich aus Furcht, die Japaner könnten Kriegsgefangene als Schutzschilde missbrauchen. Vor dem Hintergrund, dass die Toten fast ausschließlich Zivilisten sowie chinesische und koreanische Zwangsarbeiter waren und es in Hiroshima gar kein Kriegsgefangenenlager gab, ist das, gelinde gesagt, fragwürdig. Kriegsgefange werden möglichst geschützt, Sklaven sind uns wurst?
Eindeutig echt ist ein Telegramm von Fritz Bilfinger vom ICRC vom 30. August 1945 (hier in meiner Übersetzung):
Am 30. Hiroshima besucht. Grauenvolle Zustände. Stadt zu 80% ausgelöscht. Alle Krankenhäuser zerstört oder schwer beschädigt. Zwei Unfallkrankenhäuser besichtigt, Zustände unbeschreiblich. Wirkung der Bombe unheimlich schwerwiegend. Viele Opfer erholen sich augenscheinlich, erleiden plötzlich verheerenden Rückfall wegen Zerfalls der weißen Blutkörperchen und anderer innerer Verletzungen, sterben jetzt zuhauf. Schätzungsweise noch über hunderttausend Verwundete in Unfallkrankenhäusern untergebracht. In der Umgebung fehlt es leider an Verbandmaterial und Medikamenten. Bitten Sie die alliierten Oberbefehlshaber äußerst dringend, sofortige Hilfsaktion durch Fallschirmabwurf über der Stadtmitte zu erwägen. Erforderlich: erhebliche Mengen Verbände, chirurgische Unterlagen, Brandsalben, Sulfamid, auch Blutplasma und Ausstattung für Transfusionen. Sofortige Aktion äußerst wünschenswert. Schicken Sie auch medizinische Untersuchungskommission. Bericht folgt. Empfangsbestätigung erbeten. Bilfinger
Bilfinger schrieb auch einen längeren Bericht, der lange unveröffentlicht blieb, nun aber vom ICRC als pdf online gestellt ist. Ich zitiere daraus in meiner Übersetzung:
Im Stadtinnern waren überall zerstörte Fahrzeuge verstreut. Ausgebrannte Trambahnen waren aus ihren Schienen geworfen und wurden mindestens dreißig Meter abseits der Straße gesehen. Ein Augenzeuge berichtete, dass alle Passagiere dieser Trambahnen unmittelbar getötet wurden und ihre Leichen noch in sitzender oder stehender Position gefunden wurden. Ausgebrannte Autos waren wie Blechdosen zerquetscht, was deutlich den von oben kommenden Druck anzeigte.
Der Zeitpunkt der Explosion war 8.15, und der Großteil der Bevölkerung war bereits auf dem Weg zur Arbeit und hatte das Frühstück beendet; daher waren die meisten Feuerstellen (hibachis) gelöscht. Trotzdem brachen große Feuer aus, zumeist durch die gewaltige Hitze, die von der Explosion ausging. Im Kernbereich waren zahlreiche einzeln stehende Bäume weitab von den nächsten Gebäuden vollständig verkohlt, was deutlich anzeigte, dass sie durch die Explosion verbrannt waren. Ein Augenzeuge berichtete, dass er nach dem Einsturz seines Hauses deutlich sah, wie der zerbrochene zentrale Dachbalken an beiden Seiten der Bruchstelle anfing zu brennen.
Die erste deutliche Auswirkung auf die Opfer waren Verbrennungen. (…)
Eine andere, ernstere Folge schien die Strahlung zu bewirken. Viele Fälle von Sterbenden ohne sichtbare oberflächliche Wunden wurden den Untersuchenden gezeigt. Sie wiesen schwarze Blutflecken auf der Haut auf, verloren ihr Haar, litten unter hohem Fieber und Durchfall und starben innerhalb weniger Tage, an denen sie alle diese Symptome zeigten. Ärzte sagen, dass ihre Markknochen von der Strahlung angegriffen wurden, was eine teilweise Lähmung zur Folge hatte, wodurch die Reproduktion weißer Blutkörperchen zum Erliegen kam. Viele der sterbenden Opfer zeigten nur noch 600 weiße Blutkörperchen. [Anm. d. Übers.: Gemeint ist wohl „pro Mikroliter Blut“; normal sind je nach Alter 4000 bis 10.000 Leukozythen pro Mikroliter Blut.]
Die Opfer auf den Straßen in unmittelbarer Nähe des Zentrums waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. … Eltern konnten ihre Kinder nicht identifizieren… Am Tag der Untersuchung wurden noch Wagenladungen von Toten zum Ort der Kremierung gefahren, und die Stadt war von Leichengestank erfüllt. …
Wegen der vollständigen Zerstörung aller Krankenhäuser in der Stadt und dem Verlust des Großteils an medizinischem Personal und Krankenschwestern war die medizinische Versorgung der Opfer äußerst ungenügend. …
(Das ist nicht einmal die Hälfte von Bilfingers Bericht; ich empfehle für die vollständige Lektüre nicht nur gute Englischkenntnisse, sondern auch gute Nerven.)
Die Atombombe auf Nagasaki am 9. August 1945 tötete auch etwa zwei Drittel der vorher ungefähr 60.000 Katholiken dieser Stadt in einem sonst shintoistisch geprägten Land und zerstörte das Zentrum des Katholizismus in Japan. Domradio hat hier einen lesenswerten Artikel dazu.
Es gibt keinen gerechten Grund für diese Waffe.



