Mitleid und Schuld

Immer wieder lese ich unter Meldungen von schweren oder tödlichen Unfällen, die – nachweislich oder wahrscheinlich – durch Leichtsinn oder Dummheit entstanden sind, den Kommentar „Kein Mitleid!“ – manchmal noch garniert: „mit sowas / der ist doch selber Schuld / einer weniger“ usw.

Abgesehen davon, dass solche Kommentare auch für die Menschen lesbar sind, die um Kind, Vater, Mutter, Partner oder Freund trauern oder am Krankenbett sitzen, dass solche Kommentare also allein deshalb schäbig sind: Niemand ist gefeit davor, durch eigene Dummheit, eigenen Leichtsinn oder durch etwas, was auf den ersten Blick so wirkt wie eigene Schuld zu verunglücken. Vielleicht auch tödlich.

Ich empfehle nicht nur deshalb, bei Nachrichten von schweren Unfällen erst einmal innezuhalten und zu beten. Sogar dann, wenn der oder die Verunglückte nachweislich selbst schuld ist, ein Ekelpaket war und man keine Sympathie für ihn oder sie aufbringen mag. Gerade dann. Denn dann ist der Mensch vielleicht im Augenblick seines Todes sehr weit von Gott entfernt gewesen. Wenn das kein Grund zum Mitleid ist, fällt mir auch keiner ein.

Habe ich selbst wirklich echtes Mitleid mit allen, die jäh aus dem Leben gerissen werden – auch, sagen wir, mit Tyrannen, mit Folterern, mit Vergewaltigern? Dazu kann ich nur sagen: Wahrscheinlich nicht, und das ist nicht gut.

In einem alten französischen Märchen kommt ein seltsamer Mann vor, der angesichts eines Menschen, der zum Galgen gebracht wird, lächelt, aber angesichts eines anderen, der in hohem Alter friedlich im Bett stirbt, weint. Hierüber befragt, antwortet er: „Ich habe gesehen, dass der Delinquent schon von hundert Engeln erwartet wird, die ihn in die ewige Seligkeit tragen. Und auf den Alten, der so hochgeehrt war, wartet schon der Teufel.“ Das Märchen erklärt nichts weiter; der Leser darf sich selbst überlegen, warum das so ist. War der Delinquent unschuldig? Oder war er schuldig und hat tief bereut und Gott ehrlichen Herzens um Vergebung gebeten? War der Alte sein Leben lang ein unbarmherziger Heuchler gewesen, hat er schwere Sünden begangen, die keiner bemerkt hat? Vielleicht gibt es gar einen Zusammenhang, und der Delinquent wurde für einen Mord gehängt, den in Wahrheit der Alte begangen hat?

Jedenfalls ist es immer gut, für die Seele eines Verstorbenen zu beten und auch für alle, die um ihn trauern. Gehässigkeit ist immer fehl am Platz. Auch bei Unfallopfern, die wirklich bescheuert oder böse oder beides waren. Und schließlich – geht es irgendjemandem besser, wenn er den Tod eines anderen mit Gehässigkeit kommentiert?

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About Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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3 Responses to Mitleid und Schuld

  1. Avatar von Hans-Jürgen Caspar Hans-Jürgen Caspar sagt:

    Liebe Frau Sperlich, danke für diesen Eintrag. So wie Ihnen geht es auch mir seit langem.

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  2. Avatar von Gamma Hans Gamma Hans sagt:

    Vielen Dank für diesen nachdenklichen Beitrag. Er erinnert daran, dass Mitgefühl keine Belohnung für moralische Vollkommenheit ist, sondern Ausdruck unserer gemeinsamen Menschlichkeit. Juristisch endet mit dem Tod weder die Würde des Menschen noch die Pflicht der Hinterbliebenen und der Gesellschaft zu einem respektvollen Umgang. Auch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die christliche Ethik gründen auf der Überzeugung, dass jeder Mensch einen unveräußerlichen Wert besitzt.

    Psychologische Forschung zeigt zudem, dass Häme und vorschnelle Schuldzuweisungen häufig der eigenen Distanzierung von Leid dienen – nach dem Motto: „Mir passiert das nicht.“ Doch Geschichte und Erfahrung lehren, dass Unfälle, Fehlentscheidungen und menschliches Versagen zum Leben gehören. Niemand ist frei von Irrtum.

    Auch philosophisch mahnt diese Einsicht zur Demut. Sokrates, Immanuel Kant und Hannah Arendt erinnern daran, dass moralisches Urteil Selbstprüfung voraussetzt. Im Evangelium heißt es: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Mt 7,1), während die jüdische Tradition lehrt, den Mitmenschen wohlwollend zu beurteilen, ohne Gerechtigkeit aufzugeben.

    Mitleid hebt Verantwortung nicht auf, aber es bewahrt uns davor, unsere eigene Menschlichkeit zu verlieren. Eine Gesellschaft, die Trauer mit Respekt, Wahrheit mit Barmherzigkeit und Gerechtigkeit mit Mitgefühl verbindet, stärkt den Zusammenhalt – gerade in einer Zeit, in der Polarisierung und Verrohung des öffentlichen Diskurses weltweit zunehmen.

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