
Emmausgang
Wo immer Menschen miteinander sprechen
von Angst und Trauer und von tiefem Sehnen
und dabei doch das Brot mit Fremden brechen –
Wo immer Menschen Trauer, Not und Sorgen
und selbst die Hoffnungslosigkeiten teilen
und doch den Fremden bitten: Bleib bis morgen –
Wo immer Menschen noch im Leid gedenken
des Nächsten und ihm Mahl und Dach gewähren,
da bist Du, Gott, und wirst Dich ihnen schenken.
© Claudia Sperlich
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Der Wirt von Emmaus
Drei Männer kommen, staubig von der Reise.
Sehr jung scheint einer mit vernarbten Händen.
Zwei ältre, die sich fragend an Ihn wenden –
Sie scheinen fasziniert von Seiner Weise.
Sie setzen sich zu Tisch. Die Worte enden.
Zwei sinnen nach. Ich bring die simple Speise.
Der Junge betet drüber, Gott zum Preise –
Er scheint von sich den Segen auszusenden.
Sie schauen hoch, sie rufen einen Namen.
Und plötzlich ist der Dritte nicht zu sehen!
Und sie, ganz ohne Angst: „Wir müssen gehen.”
Sie gehen auf den Weg, auf dem sie kamen.
Sie tanzen fast! Ihr Schritt ist jung und schnell.
Du Fremder – mach auch meine Augen hell.
© Claudia Sperlich
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Caravaggio: Emmaus
Gleiche ich jenem Jünger, der ganz plötzlich
an wohlvertrauter segnender Gebärde,
den sanften Fremden kennt, die Arme breitet –
halb lachend und halb weinend, unentschieden,
ob er umarmen, ob er knien solle?
Gleiche ich jenem, der die Lehnen klammert,
sich vorbeugt und mit aufgerissnen Augen
das junge Antlitz absucht nach Vertrautem –
kann dieses Haupt ganz ohne Blut und Wunden
der Freund sein, den zu Tode man gefoltert?
Gleiche ich jenem Wirt, der leicht verlegen
und schwankend zwischen Sorge und Bewundrung
und Wißbegier – was ist mit diesen Fremden? –
die Kanne hält, doch ohne einzuschenken –
die dienende Gewohnheit weicht Verblüffung?
Nur eines weiß ich wohl: Nicht gleich ich jenem,
der völlig sicher, ruhig und ohne Bangen
dankt für das Brot in liebender Vertrautheit,
der oft nur karg gelebt und doch nicht sorgte,
ob morgen Brot und Leben noch zu haben.


