Gebet und Stille

Gebet ist so vielfältig wie die Beter sind und deren Situationen. Deshalb kann ich nicht gut schreiben, Gebet ist so und so und aus Gebet folgt das und das. Gott ist auch kein Wunschautomat, in den man ein Gebet steckt und dann kommt das Gewünschte heraus. Aber ich kann über meine Erfahrungen mit dem Gebet schreiben.

Kürzlich war ich in einer leeren, halbdunklen Kirche zur stillen Anbetung. Immer wichtiger wird mir das stille Gebet mit wenigen Worten, das Herzensgebet, bei dem ich innerlich nur wenige Worte wiederhole, zum Beispiel „Jesus – Heiland“ oder „Jesus Christus – Friedensfürst“, oder einen kurzen Satz, auf zwei Atemzüge. Nun fiel mir beim Beten plötzlich etwas Anderes und doch Ähnliches ein, ein Gebet, das sich am Rosenkranz orientiert, aber stiller ist.

Beim Einatmen bete ich (innerlich, schon weil es beim Einatmen nicht möglich ist zu sprechen) „Jesus“, beim Ausatmen (je nach Stimmung innerlich oder hörbar) eines der Geheimnisse des Rosenkanzes und „erbarme Dich unser“. Also „Jesus, Du hast für uns Blut geschwitzt – erbarme Dich unser“. Dies zehn mal, und dann zehn mal „Jesus, Du bist für uns gegeißelt worden – erbarme Dich unser“, und so weiter. (Das geht natürlich auch mit anderen Geheimnissen des Rosenkranzes – aber der Krieg in der Ukraine lässt mich gerade an die schmerzhaften Geheimnisse besonders denken.)

Bei dieser Gebetsform lasse ich alles andere, was ursprünglich zum Rosenkranz gehört, aus, es geht mir dabei nur um dies ganz einfache, ganz stille Meditieren über Jesus und um die Bitte um Sein Erbarmen.

Das ruhige, langsame Atmen, das Betrachten des Leidensweges, die Wiederholungen geben mir selbst Ruhe und lassen mich zugleich Gottes Leiden und Erbarmen in besonderer Intensität meditieren.

Wenn das keine andere Folge hätte als daß ich selbst hinterher spürbar friedlicher bin, wäre es schon mehr als nichts. Ich glaube aber nicht, daß Gebet im besten Fall eine psychologische Beruhigungspille ist! Im Gegenteil. Zunächst hat ein friedfertiger und ruhiger Mensch eine weit bessere Ausstrahlung und weit bessere Ideen als ein hektischer und aggressiver Mensch. Ich kann das sehr gut beurteilen, weil ich meine hektischen und aggressiven Zeiten kenne. Vor allem aber vertraue ich darauf, daß Gott Gebete hört.

Damit widerspreche ich mir nicht. Ich glaube immer noch nicht, daß Gott eine Wunscherfüllungsmaschine ist. Aber Er hört. Wann und wie Er eingreift, muss ich Ihm überlassen.

#betenwirgemeinsam

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About Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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6 Responses to Gebet und Stille

  1. Avatar von Herr S. Herr S. sagt:

    Ihre Erfahrungen mit dem innerlichen Ruhigwerden können meine Frau und ich gerade nach Beten des Rosenkranzes oder des Kreuzweges vollauf bestätigen.

    Ihre hier mitgeteilte still-meditative Gebetsform finde ich sehr schön und wertvoll.

    Ich selbst und auch meine Frau ziehen übrigens die Form des Rosenkranzes aus dem Alten Gotteslob-Gebetbuch (AGL) der des NGL vor.

    Habe diesen ganzen Rosenkranz aus dem AGL sogar mit PC abgeschrieben und schon auch anderen Gläubigen geschenkt.

    Letzten Freitag hat unser polnischer Priester übrigens nach der morgendlichen Hl. Messe noch ganz spontan zum Kreuzweg eingeladen und dabei so sehr innig und meditativ den NGL-Kreuzweg gebetet, dass mir dieser zum ersten Mal auch sehr zusagt.

    Gottes Segen Ihnen auch in der kommenden Fastenwoche, sehr geehrte Frau Sperlich.

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  2. Avatar von akinom akinom sagt:

    Diesen Beitrag kann ich von ganzem Herzen unterschreiben. Mein großer Hörschaden hat mich immer mehr dazu geführt, das Ein- und Ausatmen mit dem Namen Jesus zu einem immerwährenden Gebet zu machen und die Stille lieben zu lernen.

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  3. Avatar von Hans-Jürgen Caspar Hans-Jürgen Caspar sagt:

    Liebe Frau Sperlich,

    hiermit erlaube ich mir, Ihren Gedanken über das Beten ein paar eigene hinzuzufügen:
    http://www.hjcaspar.de/hpxp/gldateien/beten.htm

    Mit herzlichem Gruß
    Hans-Jürgen Caspar

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    • Herzlichen Dank für diese wertvolle Ergänzung! Besonders das eingefügte Fürbittgebet gefällt mir sehr.
      Ich bin zwar durchaus der Ansicht, man darf zu Gott auch mal etwas „flapsig“ sprechen – solange man es im Innersten ernst meint. Die Frage „Wieso passiert mir das jetzt, wieso lässt Du das zu?“ ist immer erlaubt – aber im Gebet kann man auch dahin kommen, wie Hiob trotzdem zu sagen „Gelobt sei der Name des Herrn“.

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