Liebe Atheisten, hört auf zu langweilen.

Ich weiß nicht zum wievielten Male ich jetzt etwas über „die Christen“ lese von Menschen, die offenkundig keinen blassen Schimmer davon haben, was Christentum eigentlich ist. Es gibt eine Menge solcher Menschen, die viel Zeit in den sozialen Medien verbringen und dort nach Herzenslust über Christen herfallen mit dem alleinigen Ziel, ihnen zu sagen, wie dumm das Christentum ist.

Ich bin diesen Menschen gegenüber im Vorteil. Ich weiß nämlich, was Atheismus ist (war selbst lange Zeit Atheist). Insofern ist es vielleicht unfair, was ich jetzt schreibe. Aber das ist mir egal.

Also, liebe Atheisten – wobei ich mich genau an jene unter Euch wende, die sich immer wieder bemüßigt fühlen, der Welt mitzuteilen, wie dumm, diktatorisch und denkfaul Christen sind: An das, woran Ihr nicht glaubt, glauben Christen auch nicht. Das christliche Gottesbild ist nicht – und war nie – ein rachsüchtiger alter Mann in den Wolken, der auf Regeln pocht. (Auch nicht ein lieber Opa in den Wolken, der alles nur gütig belächelt.) Das christliche Religionsverständnis beinhaltet nicht, daß die lieben Regelbefolger in den Himmel kommen und andere nicht. Es beinhaltet andererseits nicht, daß man machen kann, was immer man gerade will, wenn man nur an Gottes Güte glaubt. Christen katholischer Prägung glauben nicht, daß jedes Wort der Legenda Aurea wörtlich zu nehmen ist (Christen anderer Prägung glauben das eh nicht). Katholiken, die den Katechismus kennen, wissen auch, daß Ihr Atheisten möglicherweise nicht in die Hölle kommt, und hoffen, Euch irgendwann im Himmel zu sehen.

Ich gehöre zu diesen Katholiken, die den Katechismus kennen. Ich glaube, daß unsere Gedanken, Worte und Werke Auswirkungen haben auf uns und andere, daß Sünde alltäglich und Heiligkeit immerhin möglich ist. („Glauben“ steht hier nicht i.S.v. „annehmen“, sondern i.S.v. „darauf vertrauen, dass es so ist“.) Ich bete für Euch, hoffe auf Eure Bekehrung, hoffe, daß Gott jedenfalls Eure Mühe um ein rechtschaffenes Leben (soweit vorhanden) liebevoll ansieht und hoffe, Euch einst im Himmel zu sehen.

Aber bis dahin schwätzt bitte nicht Unfug über Dinge, von denen Ihr rein gar nichts versteht. Wenn Ihr wissen wollt, was das Christentum ist, lest nicht nur die Bibel – lest verschiedene Übersetzungen (wobei ich die neue Einheitsübersetzung besonders empfehle, außerdem Schlachter, fürs AT sollte man auch mal Buber in der Hand gehabt haben, Menge sollte man immerhin zur Kenntnis nehmen und Martinum Lutherum natürlich auch). Lernt, welche Teile der Bibel von welchen Konfessionen nicht voll anerkannt werden und warum.

Beschäftigt Euch mit Exegese (das heißt nicht, „nehmt alles wörtlich“, „nehmt nichts wörtlich“, „ignoriert Exegeten und bastelt Eure laienhafte Exegese selbst“, „sucht aus dem Internet irgendwas raus, was wie Exegese aussieht“, sondern: beschäftigt Euch mit Exegese!).

Lest den Katechismus und werft einen Blick in den Codex Iuris Canonici.

Lest Augustinus und Thomas von Aquin (die sind nicht so schrecklich schwer verständlich). Wenn Ihr es schlichter und doch tiefgründig mögt, lest die Gebete von Thérèse de Lisieux. Und wenn Euch das alles zu alt ist, lest Josef Bordat.

Geht in Kirchen. Guckt, hört zu, versucht mal einen Moment lang nicht, Euch ein Urteil zu bilden, sondern lernt, was eine Kirche und was ein Gottesdienst ist. Wenn Ihr das gründlich gelernt habt, könnt Ihr weiter kritisieren, wenn Ihr unbedingt wollt – aber nicht vorher. (Warnung: es kann passieren, daß Ihr danach keine Atheisten mehr sein wollt. Die Gefahr besteht, beklagt Euch hinterher nicht bei mir.)

Bezeichnet die Bibel nicht als Märchenbuch. Sie ist es auch dann nicht, wenn man ihre Inhalte großenteils für unsinnig hält (ich sage „großenteils“, weil ich wohlwollend davon ausgehe, daß die meisten Atheisten mit dem Verbot von Mord und Diebstahl einverstanden sind). In der Bibel stehen religiöse Texte, Gebete, Mythen, Geschichten, Novellen, Berichte, Preislieder, ein in einem Garten spielender Krimi, ein langer erotischer Text in „lyrischer Prosa“, Gesetzestexte, Familienregister, erbauliche und mahnende Briefe… aber keine Märchen. Die literarische Gattung „Märchen“ kommt in der ganzen Bibel nicht vor. Allenfalls könnte man die Geschichte um Jona als Novelle mit märchenhaften Zügen bezeichnen.

Schreibt nicht allen Christen automatisch das genau gleiche, komplett naive Bibelverständnis zu. Christen sind durchaus verschiedener Meinung, welche Texte wie verstanden werden sollten. So gibt es Christen, die von einer Erschaffung der Welt in sechs mal 24 Stunden ausgehen, und andere, die die Schöpfungsberichte (ja, es sind zwei) für bildhafte Rede halten – aber nicht für beliebig, nicht für austauschbar mit den Schöpfungsberichten anderer Religionen. Ebenso ist es mit anderen Bibeltexten, bei denen Ihr Atheisten gern höhnisch sagt: „Das kann doch kein vernünftiger Mensch glauben!“ – und zwar zu vernünftigen Christen. (Wie gesagt, beschäftigt Euch mit Exegese – das dauert.)

Kein Atheist (und kein Christ und kein irgendwie anders Gläubiger) würde einen Menschen ernstnehmen, der von sich behauptet, Automechaniker zu sein, aber nicht weiß, wie ein Motor funktioniert, den Unterschied zwischen Otto- und Dieselmotor nur vom Hörensagen kennt und sich davor scheut, dreckige Hände zu bekommen, oder der behauptet, in einem Auto haben Radio und Zigarettenanzünder ebenso tragende Rollen wie Anlasser und Motor. Also tut einfach so, als sei Christentum sowas wie eine große Autowerkstatt mit massenweis Mitarbeitern, von denen viele gerne über ihre Arbeit reden. Wenn Ihr Euch interessiert und Fragen habt, fragt. Wenn Ihr was davon versteht und konstruktive Beiträge leisten könnt, redet – und sonst redet einfach mal nicht.

Ich sagte, daß ich hoffe, Euch einst im Himmel zu sehen. Bitte benehmt Euch nicht so, daß ich vor diesem seligen Moment auf jede Begegnung mit Euch freudig verzichte.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Liebe Atheisten, hört auf zu langweilen.

  1. gerd schreibt:

    Die „Wald und Wiesen“ Atheisten machen mir keine Sorgen. Gefährlich werden die erst, wenn sie an politische Macht kommen. Dann geht es ans Eingemachte. Da sieht es in Europa und anderswo ziemlich duster aus.

  2. Thomas Jakob schreibt:

    Danke für diesen ausgezeichneten Beitrag!

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