Ein sehr alter Heischebrauch

Wie jedes Jahr am Vorabend zu Allerheiligen (engl. All Hallows‘ Eve, verkürzt über Hallow’e’en zu Halloween) zanken sich Christen aller Konfessionen mit- und untereinander, ob der von irischen Katholiken nach Amerika exportierte und dort säkularisierte Heischebrauch teuflisch, dämonisch, völlig egal oder eigentlich katholisch sei.

Daß das Schnorren von Süßkram zu Halloween auf einen christlichen Heischebrauch zurückgeht, ist oft genug plausibel erklärt; ich werde daher von weiteren Erklärungen absehen. Stattdessen zitiere ich einen mittelalterlichen Vagantendichter, den Archipoeta. In seiner Bitte zu Allerheiligen, um 1158 an seinen Gönner Rainald von Dassel gerichtet, bittet er zwar nicht um Süßkram, aber um einen Mantel und Schuhe. In meiner Übersetzung aus dem Lateinischen:

 Hoher Kanzler, größer bist du als andre Männer,
 wie die Sonne Himmelslicht, bist du Licht der Kirche
 durch der Klugheit Glanz, mit der Klugen du vorangehst.
  
 Singen wollen wir dein Lob, da vom hellen Glanze  
 deines Lichtes wird erhellt Kaiser Friedrichs Sinnen,
 und wir tun es gerne, da du ein heitrer Geber.
  
 Hoch durch Adel der Geburt und durch edle Sitten,
 nennt in Menschenkünsten und Gotteswissenschaften
 keiner jemals dich gering, Größter aller Reinen.
 
 Starker du und weiser Mann, du folgst nicht dem Glücke,
 bist im Unglück voll Geduld, demutsvoll im Reichtum,
 alles machst du gut und gehst auf dem rechten Wege.
  
 Übertriffst, gleich Cicero, des Odysseus Rede,
 arglos wie die Taube, wirst keinen du betrügen,  
 klüger als die Schlange, wirst du getäuscht von keinem.
  
 Mehr als Alexander, machst du den Feind zunichte,
 sanfter noch als David, wirst du geliebt von allen,
 auf gerechtes Bitten gibst edler du als Martin.
  
 Was du immer rätst, geschieht in des Reichs Geschäften,  
 ohne deinen Rat läßt du durchaus nichts beginnen.
 Kraft verleih der Römerfürst solcherlei Gefährten!
  
 Heute noch bestünden ja Mailands Festungsmauern,
 und der Kaiser wär im Krieg siegreich nicht vorm Feinde,
 gäbe Gottes Gnade nicht dich ihm zum Gefährten.
  
 Kölns Erwählter, glänzenden Lobes bist du würdig,
 ich in meiner großen Not lobe nackten Fußes -
 das beklage heute ich vor den Heilgen allen.
  
 Allerheiligen wird heut feierlich begangen,
 jeder Feiernde legt an vornehme Gewänder -
 nur der Sänger steht entblößt vor dem Hohen Kanzler.
 
 Da der Dichter nicht allein Rhythmenmaß ersonnen,  
 sondern, da er gänzlich arm, auch die Weise setzte,
 hat ein Kleid er wohl verdient und auch einen Mantel.

aus: Claudia Sperlich, Archipoeta, tredition 2015 

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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