Müssen wir Weihnachten retten?

Meine spontane Reaktion auf die Überschrift mehrerer Kirchenblätter „So retten wir Weihnachten“ war: Nö, Weihnachten rettet uns. Genauer: Der menschgewordene Gott rettet uns, nicht wir Ihn.

Selbstverständlich kann bei ausreichender Unvernunft – also wenn genügend Menschen mit Symptomen zur Arbeit gehen, wenn genügend Parties mit mindestens hundert Teilnehmern gefeiert werden, wenn dabei wenig gelüftet und viel getanzt und geplaudert, besser noch gesungen wird, wenn in Kaufhäusern ausreichend gedrängelt wird und möglicherweise auch bereits, wenn genügend unbewusst Infizierte beim wöchentlichen Gemeindekaffee dicht beieinander sitzen und wegen der Kälte die Menschen länger sitzen und die Fenster geschlossen bleiben, wenn danach genügend innige Familientreffen stattfinden – zu Weihnachten ein strenger Lockdown beschlossene Sache sein. Wenn es so hart kommt, wird aber das Ausfallen der Christmette unser geringstes Problem sein.

Ich hoffe sehr, daß wir Weihnachten in der Kirche feiern können. Allerdings wird es mit Sicherheit eine stillere Weihnacht als sonst, kürzer, (fast) ohne Gemeindegesang, nicht so gedrängt voll. In „meiner“ Gemeinde sind zwei Christmetten geplant, nicht nur eine. Es wird dringend nötig sein, mehrere Helfer zu beauftragen, die die Kommunion zu den Kranken bringen (bzw. zu denen, die wegen einer schweren Vorerkrankung besser zu Hause bleiben). Die Christmetten werden in zahlreichen Gemeinden – auch in Heilig Kreuz, Berlin-Wilmersdorf – gestreamt.

Wir werden uns zur Christmette und zum Weihnachtsgottesdienst wärmer anziehen müssen – denn die Kirchentür bleibt offen, wegen der Belüftung. Wir werden uns nach der Christmette nicht zum Krippenschluck im Pfarrsaal treffen. Wir werden nach dem Gottesdienst nach Hause gehen.

Und wenn doch alles abgesagt wird? Dann werden viele – so hoffe ich – am Computer eine gestreamte Christmette mit Zelebrant, wenigen Ministranten, Lektor, Organist und Kantor verfolgen und mitbeten. Das ist nicht Dasselbe, aber es ist viel besser als gar nichts (wie wir von Ostern 2020 wissen können).

Alte Menschen, die keinen Computer haben, werden mit Rundfunk- oder Fernsehgottesdiensten vorlieb nehmen müssen. Ich hoffe, daß auch im schlimmen Fall eines Lockdowns erlaubt sein wird, ihnen unter bestimmten Sicherheitsvorkehrungen die Kommunion zu bringen und ihnen wenigstens kurz Gesellschaft zu leisten. Weihnachten ist für alleinstehende Kranke immer eine schwierige Zeit; heuer stehen wir vor besonderen Herausforderungen bezüglich Solidarität und Nächstenliebe gegenüber den Einsamen. Denken wir an die verbleibenden Möglichkeiten: Telephon, Brief, Päckchen. Und natürlich vor allem: Gebet. Man kann auch am Telephon gemeinsam beten!

Mal angenommen, wir werden Weihnachten allein zu Haus verbingen: Machen wir uns einen guten Plan. Verabreden wir weihnachtliche Konferenzen im Internet. Machen wir die Wohnung weihnachtlich schön, auch als Singles, dann erst recht! Nehmen wir uns Zeit für Gebet, Gesang, Musikhören, Lesen, Gespräch mit Freunden. Schreiben wir Briefe. Malen wir Bilder. Basteln wir Sterne.

Und denken wir an die Armen, die Einsamen, die Obdachlosen, die Gefangenen – all jene, die es zu Weihnachten immer härter trifft als andere und diesmal besonders hart. Geben wir gern: Geld, Geschenke, Zeit, Liebe. Aber bitte keine Viren! Tragen wir Maske und halten Abstand.

Vor die Weihnachtsfreude hat Gott den Advent gesetzt, Zeit der Umkehr und Besinnung. In diesem Jahr ist die Adventszeit lang – sie beginnt in vierzig Tagen, am 29. November. Nutzen wir sie gut. Fasten, beten, Almosen geben ist die bewährte Trias der Bußzeiten. Maulen, Meckern und Jammern gehören nicht dazu.

Kürzlich ging ein Artikel durchs Netz, in dem behauptet wurde, das wahrscheinliche coronabedingte Ausbleiben der Weihnachtsmärkte werde psychische Probleme zur Folge haben. Bei mir hätte das definitiv eine psychische Entlastung zur Folge. Eine Psyche, deren Wohlbefinden von Dauergedudel, bratfettgeschwängerter Luft und zusätzlichem Gedrängel abhängt, in einem Menschen, der dies für das Wesen der Weihnacht hält, ist vielleicht schon längst nicht mehr ganz gesund.

Es wird ein seltsames Weihnachtsfest, anders als gewohnt, sicher wehmütig, vielleicht mit mehr Tränen als sonst. Aber der Kern des Festes ist und bleibt wie immer die Freude selbst: Jesus ist in die Welt gekommen, der Christus hat uns erlöst. Was ist Corona dagegen?

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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