Liebe Hirten!

Siehe, GOTT, der Herr, kommt mit Macht, Er herrscht mit starkem Arm. Siehe, Sein Lohn ist mit Ihm und Sein Ertrag geht vor Ihm her. Wie ein Hirt weidet Er Seine Herde, auf Seinem Arm sammelt Er die Lämmer, an Seiner Brust trägt Er sie, die Mutterschafe führt Er behutsam. (Jes. 40,10-11)

Amen, amen, ich sage euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus. Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen. (Joh. 10,1-5)

Ein Hirt hat also seine Schafe zu kennen. Nach dem Vorbild des Herrn hat er ihnen liebevoll zu helfen. Er hat sie vor Wölfen zu schützen, und er darf den Wölfen nicht ähnlich werden.

Nun gehe ich nicht so weit, Euch mit Wölfen gleichzusetzen. Ein Wolf weiß ja, was ein Schaf ist, und hat durchaus Interesse an ihm, wenn auch auf andere Weise als der Hirte. Ich möchte auch nicht pauschalisieren, unter Euch sind wundervolle Männer, die ihr Amt der Seelsorge und Lehre sehr ernst nehmen. Aber mir scheint, je größer die Euch anvertraute Herde ist, desto mehr vergesst Ihr, was ein Schaf ist. Würde ein kleiner Außerirdischer zu einem deutschen Bischof sagen „Bitte zeichne mir ein Schaf“, so bekäme er womöglich nicht zur Antwort „Ich kann nicht zeichnen“, sondern „Ein was?“ – und dann, nach geduldiger Erklärung, daß es sich um ein herdenbildendes Nutztier zur Woll-, Milch- und Fleischgewinnung handelt, das übrigens sehr niedliche Junge hat und in der christlichen Ikonographie eine bedeutende Rolle spielt, käme die Antwort: „Wenden Sie sich bitte an den Praktikanten.“ Vielleicht auch käme die abgeklärt-spöttische Bemerkung, die Metaphern einer spätantiken Hirtengesellschaft seien dem modernen Christen eben nicht mehr verständlich (mit der heimlichen Schlussfolgerung, die Hammelherde müsse man eben allein lassen).

Mir scheint, je höher Euer Rang und Eure Besoldung und je größer Euer Bistum ist, desto weniger Ahnung habt ihr von Schafen. Ihr kommt nicht durch die Tür, Ihr steigt auch nicht als Diebe oder Räuber durchs Fenster, sondern Ihr wisst nicht mal, wo der Schafstall steht.

Bitte interessiert Euch wieder für die Herde. Guckt nach, wie Schafe aussehen, wie sie Laut geben, wie sie sich bewegen, lernt ihre Verhaltensweisen kennen (sie sind Euren Verhaltensweisen nicht mal so unähnlich).

Ich als Schaf im Dienst des Bistums weiß sehr genau, wovon ich rede, und grüße Euch mit einem herzlichen

Määääh.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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