Fastenzeit: Zeit der Demut

Demut? Lässt man da immer den Kopf hängen?

Natürlich nicht. Das Wort bedeutet nicht „Leidensmiene” oder „Masochismus”, sondern „Gesinnung zum Dienen”. Und hier gilt wieder, was ich über den Gehorsam sagte: Gegenüber Gott ist Demut richtig, gegenüber jedem anderen nur dann, wenn Gott dazu den Antrieb gibt. Die Demut einer Prostituierten vor ihrem Zuhälter, eines Ganoven vor dem Bandenchef ist grundfalsch, nicht weil Demut etwas Schlechtes ist, sondern weil die Richtung nicht stimmt. Es ist unsinnig und zerstörerisch, gegenüber dem Bösen dienstbereit zu sein.

Ein Christ ist ein Diener Gottes, und schön wäre, wenn das nicht erst die Hinterbliebenen beim Requiem hören. Weil wir nun mal Sünder sind, sind wir leider bestenfalls zweitklassige Diener Gottes – „erstklassig” in beispielhafter Demut ist Jesus Christus in Seiner Menschennatur, der sich vollkommen dem Willen des Vaters unterwarf, und die Allerseligste Maria, die von Sünde bewahrt blieb. Aber wir können durch Gebet und aufmerksames Hören auf Gott immer bessere Diener werden – wir sind ja zur Heiligkeit berufen. Wir können mit Gottes Hilfe Fortschritte machen. (Das heißt keineswegs, daß jemand dann ein besserer Diener als der und der Nachbar ist, sondern daß er ein besserer Diener ist als er selbst vorher war.)

Echte Demut hängt (wie alles Gute) mit Liebe zusammen. Die oben genannten Beispiele von falscher Demut vor Menschen beruhen auf Angst, nicht auf Liebe. Demut vor Gott bedeutet, Gott so sehr zu lieben, daß man Ihm in allem dienen will. Das hat zur Folge, daß man sich selbst zurücknimmt, nicht aus Furcht vor Strafe oder weil man dafür eine Extra-Belohnung erwartet, sondern weil man Ihn liebt. In dieser Haltung kann man auch Menschen gegenüber liebevoll und freundlich oder zumindest hilfreich sein, die einem nicht liegen, die man vielleicht begründet furchtbar findet.

Dann ist es ein Akt der Demut, eigene Schuld anzuerkennen und zu gestehen. Die Beichte ist eine Schule der Demut und sollte schon deshalb keine Seltenheit im Leben sein – aus Liebe zu Gott, der unsere Sünden am Kreuz getragen hat und immer wieder trägt.

Oft ist Demut auch weniger ein Tun als ein Ertragen. Und hier gilt wieder: auf jemand anders als Gott gerichtet, kann das nicht gut sein. In Demut vor Gott kann man aber unvermeidbares Leiden annehmen, ja aufopfern. Man kann Ihn bitten, etwas Gutes daraus zu machen – auch wenn man selbst keine Ahnung hat, wie das gehen soll: Er weiß es.

Wenn man seinen eigenen Willen durch Offenheit für Gottes Willen ersetzt, also nicht mehr ständig schaut, was einem fehlt, was man wollen kann und was man nicht will, dann wird man froh. Von der Freude, dem letzten Thema meiner Fastenreihe, können Sie morgen, am Mittwoch, lesen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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