Fastenzeit: Zeit des Gehorsams

Gehorsam? Ist das nicht willenlos?

Nun… doch. Wenn ich jemandem gehorche, stelle ich seinen Willen über meinen, verzichte auf die Durchsetzung meines Willens. Im Idealfall geschieht das, weil ich erkannt habe, daß der andere sinnvolle Anweisungen gibt in Situationen, die ich selbst nicht überblicke.

Wenn ich beispielsweise eine Krankheit habe, die sich mit Hausmitteln nicht kurieren lässt, vertraue ich mich einem Arzt an – und gehorche seinen Anweisungen, so gut ich kann. Meiner Erfahrung nach hilft das in der Regel. Wenn mein Wille mir sagt „Ich mag dieses Medikament nicht, ich habe keine Lust, meine Ernährung umzustellen, ich will mich nicht mehr bewegen, ich lasse einfach diese ganzen doofen therapeutischen Maßnahmen aus” – dann schade ich mir selbst. Ich kann z.B. einen sehr starken Willen haben, der mit aller Kraft sagt: „Ich will täglich Schokolade!”, während ich doch weiß, daß das weder meiner Gesundheit noch meinem Geldbeutel guttut. Bin ich nun dem Arzt gehorsam, der mir geraten hat, die Süßigkeiten sehr einzuschränken, dann muss ich diesen schokoladigen Willen brechen.

Es gilt als schlecht, den Willen zu brechen – sogar unter Christen ist das eine sehr umstrittene Sache. Und tatsächlich ist es schlecht, den Willen eines anderen zu brechen. Aber seinen eigenen? Wenn ich erkannt habe, daß mein eigener Wille mich auf schlechte Bahnen führt, ist es sinnvoll, diesen Willen nicht mehr zu „wollen”. Er geht aber nicht von selbst. Der eigene Wille ist ein zähes Ding, das sich gerne breit macht und sogar die eigene Erkenntnis blockiert. Man kann es aber durch Gebet und viel Gnade dahin bringen, daß durch die Unterwerfung unter Gottes Willen der eigene Wille immer mehr mit jenem übereinstimmt, also bejaht, was Gott will.

Deshalb ist es gut, sich dem einzigen Willen zu unterwerfen, der vollständig gut und wahr ist – dem Willen Gottes. „Zeige mir, Herr, Deinen Weg, lehre mich Deine Pfade” heißt es in Ps. 25,4. Christlicher Gehorsam unterwirft sich vollkommen Gott. Das ist alles andere als „unterwürfig“ im weltlichen Sinne. Im Gegenteil: ich gebe mich nur mit dem Besten zufrieden; ich dulde über mir keinen Herrn (und keine Herrin) außer dem einen dreifaltigen Gott. Das bedeutet nicht, daß ich mich im Krankheitsfall nicht mehr an den Arzt wende oder daß ich die Verkehrsordnung mißachte, da sie nicht im Pentateuch steht. Sowohl die Kunst der Medizin als auch zahlreiche Gesetze und Verordnungen sind einsehbar sinnvoll, und ich kann als gottgegeben hinnehmen, daß Menschen zuweilen sinnvolle Dinge tun und beschließen. (Bei genauem Nachdenken halte ich das, zumal bei Gesetzen und Verordnungen, tatsächlich für ein vom Heiligen Geist bewirktes Wunder.) Es bedeutet auch nicht, daß ich aufhöre zu überlegen, ob etwas gut oder schlecht ist. Es kann z.B. gesetzliche Regelungen geben, die ich als grundschlecht erkenne und daher bekämpfe.

Aber ich versuche, in allem meine Überlegung und meine Antriebskraft Gott zu unterstellen. Das tue ich aus der Erfahrung, daß Er besser ist, mehr weiß und heilsamer handelt als irgendjemand anders.

Und wenn ich etwas als Seinen Willen erkenne und nicht verstehe?

Dann kann ich zunächst im Gebet und überlegend, im Gespräch mit Geistlichen und mit anderen, denen ich entsprechendes Wissen zutraue, erforschen, ob das tatsächlich Gottes Wille sein kann oder ob ich mich habe täuschen lassen. Kommt dabei heraus, daß Gott etwas von mir oder für mich will, was ich nicht begreife, so habe ich das anzunehmen, so schwer es mir fällt.

Das führt zur Demut, und über dies vorletzte Thema meiner Fastenreihe können Sie morgen, am Dienstag, lesen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter KATHOLONIEN abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.