Die Sache mit der Gesundheit

1. Die ganze Welt und jetzt auch Deutschland ist von der Lungenpest bedroht!
2. Fasten ist gesund!

Beide Aussagen hört man im Moment häufig.
Beide Aussagen sind, wenn auch auf verschiedene Weise, falsch.

Gut, es ist Corona, nicht Lungenpest, aber die Art, wie viele Menschen damit umgehen, ist, als wäre es Lungenpest.
Ja, Fasten hat auch gesundheitliche Vorteile, aber die Art, wie von unzähligen Menschen darüber gesprochen wird, ist, als hätte es gar keinen anderen Sinn als gesund zu leben.

Die beste Aussage, die ich zum Thema Corona gehört habe, stammt von einer uralten Ordensschwester, die lange Zeit als Krankenschwester gearbeitet hat und sich also durchaus mit dem Themenkreis Viren und Infektionsschutz auskennt: „Man muss doch auch Gottvertrauen haben. Und natürlich Hände waschen.“
Im Gespräch meinte sie, daß z.B. derzeit die Weihwasserbecken in Kirchen leer sind, ist eine sinnvolle Maßnahme, da Wasser eine Brutstätte für Erreger ist. Im Normalfall macht das nichts, weil wir ständig mit reichlich Erregern zurechtkommen. Jetzt gerade macht es sehr viel, weil es ein neues, noch nicht weit erforschtes, für 20% der Erkrankten gefährliches Virus gibt.

Händedrücke nach Möglichkeit vermeiden – beim Friedensgruß einfach freundlich gucken – ist sinnvoll, andererseits braucht man nicht in Panik zu verfallen, wenn man einem Menschen die Hand gibt. Handkommunion halte ich für sinnvoll aus zwei Gründen. Erstens kann es bei Mundkommunion eben doch zur Berührung der Priesterhand mit Speichel kommen, der dann weitergegeben wird – üblicherweise ist das nicht schlimm, üblicherweise ist auch eine feuchte Aussprache nicht schlimm, aber jetzt ist nicht üblicherweise. Zweitens sind zwar Hände ein Tummelplatz für alles Mögliche, aber wenn der Priester die Hostie auf die Hand legt, berührt er selbst die fremde Hand nicht. Da ist also auch kaum Gefahr, zumal das mit dem Händewaschen inzwischen wohl wirklich begriffen wurde.

Ich kenne einen Priester, der die Gläubigen, die unbedingt Mundkommunion wollen, bittet, als letzte die Eucharistie zu empfangen. Dadurch ist es eine recht kleine Gruppe, in der es eine eventuelle Weitergabe von Viren gibt. Die Gefahr wird also gemindert.

In St. Clemens in Berlin ist Mundkommunion unter beiderlei Gestalten üblich; der Priester taucht die Hostie in den Kelch. Jetzt gibt es dort erstens nur Handkommunion und keine Kelchkommunion, und zweitens wird jeden Abend der Rosenkranz gebetet um ein Ende der Epidemie. Das ist mal eine sinnvolle Maßnahme; Vernunft und Glauben (und nur sie) geben sich hier vorbildlich die Hand.

Und nochmal Weihwasser: Heute, am Frauentag, wurden die Frauen in meiner Gemeinde nach vorne gerufen und bekamen den Segen. Natürlich inklusive Weihwasser – und der Priester sagte dazu leise und mit einem Lächeln: „Das Wasser ist sauber, und ich habe mir vorher die Hände desinfiziert.“

Es gibt ernste Fälle von Corona. Ich halte neben Forschung, Hygiene und Gebet die Quarantänemaßnahmen für grundsätzlich sinnvoll (und hoffe sehr, nicht irgendwann in Quarantäne zu müssen – aber wenn: auch das lässt sich aushalten). Es gibt noch keinen Impfstoff. Ich nehme die Sache durchaus ernst, aber ich höre lieber auf Virologen, die zu sorgfältigem Händewaschen mit Seife raten, als auf Durchgeknallte, die Desinfektionsmittel aus Kinderkliniken stehlen. Was Hamsterkäufe angeht, halte ich zwar generell für sinnvoll, ein paar Vorräte im Haus zu haben, ganz unabhängig von Corona. Nicht sinnvoll ist, so zu kaufen, als gäbe es für das nächste Quartal nichts mehr.

Einige Menschen führen sich auf, als stünde der Dritte Weltkrieg durch eine Invasion von Außerirdischen bevor, die jeden mit Lungenpest infizieren, der nicht schnell genug in seinem Privatbunker ist. Das ist möglicherweise die Folge des übermäßigen Konsums von Katastrophenfilmen; ein Zeichen von Vernunft oder Glauben oder gar beidem ist es nicht.

Und dann das Fasten.
Das ist ja so gesund. Aber ich solle ja unbedingt, also ganz bestimmt, doch ein wenig Fett zu mir nehmen, weil das Vitamin A in den Möhren sonst nicht verwertet werden kann, und das ist wichtig für die Augen.

Mein Himmel! Ist denn jemals in der Weltgeschichte jemand deshalb erblindet, weil er knapp zwei Monate lang nur alle sieben Tage etwas Fett zu sich nahm? Ich sagte es schon an anderer Stelle: Ob Fasten gesund ist oder nicht, ist mir schnuppe. Natürlich registriere ich als angenehmen Nebeneffekt, daß mein Doppelkinn etwas geringer wird und ich mich fitter fühle. Ich hege sogar die Hoffnung, daß ich durch das Fasten wieder einen Anschub in Sachen Disziplin bekomme und mein erhebliches Übergewicht im Laufe des Jahres verliere.

Aber das Wichtige am Fasten ist eben nicht die Gesundheit. Ich faste, weil ich katholisch bin, das für richtig halte, weil ich Jesus nachfolge, der vierzig Tage lang in der Wüste gefastet hat; weil Fasten den Kopf frei macht für Glauben und Liebe; weil ich Solidarität mit den Armen üben will, das am Essen gesparte Geld an Arme weitergeben will. Ich faste nicht um der Gesundheit willen.

Gesundheit ist ein hohes Gut – aber bei weitem nicht das höchste, auch wenn das mindestens bei jedem Geburtstag behauptet wird. Die göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung, Liebe sind jede für sich und alle zusammen viel mehr wert.

Nur um es ganz klar zu verdeutlichen: Wenn heute eine Fee zu mir käme und sagte „Du kannst für immer vollständig gesund sein, ohne Epilepsie, mit funktionierender Schilddrüse, ohne Arthrose, ohne Venenschwäche, ohne irgendein anderes Leiden – si cadens adoraveris me“ – dann würde ich der Fee entgegenschleudern, was Jesus bei vergleichbarer Gelegenheit sagte: Apage Satanas! Und genau diese Fee, oder was immer, scheint mir zur Zeit hyperaktiv unterwegs zu sein.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Die Sache mit der Gesundheit

  1. gerd schreibt:

    Das Thema Kommunionempfang in Zeiten von Corona Virus, wäre es vielleicht sinnvoll, die Gläubigen zur geistigen Kommunion anzuleiten und das entsprechend vom Bischof anzuordnen? In mindestens einem holländischen Bistum wurde die Mundkommunion untersagt.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Einerseits ist es kirchenrechtlich nicht möglich, die Mundkommunion zu „untersagen“, man darf nur davon abraten (das allerdings auch recht ernst). Wieweit da ein Verstoß gegen den Gehorsam vorliegt, kann ich ohne genaueres Wissen nicht beurteilen.
      Andererseits finde ich geistige Kommunion das beste Mittel, wenn man sich zur Handkommunion nicht durchringen kann. Ich habe kein Problem mit Handkommunion, obwohl ich seit einiger Zeit die Mundkommunion bevorzuge. Aber wer das nicht über sich bringt – der kann ja auch geistige Kommunion praktizieren.

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