Trauer und Verständnislosigkeit

Gestern hat ein 27Jähriger in Halle mit einer selbstgebauten Waffe versucht, die Zivilisation zu beenden. Es ist ihm nicht ansatzweise gelungen, aber sehr großes Unheil hat er angerichtet.

Ja, ich sehe auch ein „nur“ geplantes Massaker an Betern als einen Versuch, die Zivilisation zu beenden. Todesopfer in Halle sind eine Frau und ein Mann, beide wahllos erschossen. Der Mann hat den Täter nach Berichten angefleht, ihn leben zu lassen.

Der Täter hat seine Tat im Stil eines Egoshooter-Spiels gefilmt, und er hat keinen Funken Mitleid gezeigt. Er hat vollkommen böse gehandelt. Er hat Menschen, die einen Augenblick zuvor noch in großer Freude Gott gepriesen haben, in Todesangst versetzt. Er hat eine ganze Stadt vor Angst erstarren lassen. Er hat Unschuldige getötet.

Es fällt mir leicht, für die Opfer und ihre Angehörigen und Freunde zu beten. Ebenso für die Juden in Halle und in ganz Deutschland (und überall auf der Welt). Ebenso für alle Menschen, die gestern von der Evakuierung betroffen waren, die Zeugen der Bluttat wurden, die Angst und Schrecken bewältigen müssen.

Es fällt mir nicht leicht, für den Täter zu beten – obwohl ich sehr genau weiß, daß ich genau dazu aufgerufen bin. Welche Art von Wirrnis sein Grund ist, andere Menschen tot sehen zu wollen, ist mir egal. Ich will, daß die Gesellschaft vor ihm und ähnlichen Menschen geschützt wird. Ich weiß, daß keine Gesellschaft von jeder Art Irrer vollkommen geschützt werden kann. Was das Beten angeht, versuche ich es… mit einem einfachen

KYRIE ELEISON. CHRISTE ELEISON. KYRIE ELEISON.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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Eine Antwort zu Trauer und Verständnislosigkeit

  1. akinom schreibt:

    Diesen Kommentar habe ich auch bei Felix Honekamp gepostet. Die Gedanken hatte ich dem Herderbüchlein entnommen „Edith Stein. Das Weihnachtsgeheimnis. Mit einer Einführung von Hanna-Barbara Gerl“, das mir gestern ganz zufällig in die Hände gefallen ist.:

    „Mitgefühl und Gebet ist es, was wir jetzt von uns selbst erwarten müssen und was von uns erwartet werden darf.“ Es wird Gott sei Dank nicht umsonst erwartet. In einer Zeit drohender Kirchenspaltung äußern sich Papst, Bischöfe und Medien fast aller Couleur einmütig „entsetzt und erschüttert über den feigen Anschlag von Halle“. Mut braucht es dafür allerdings nicht, so wie in unseligen Zeiten deutscher Geschichte.

    Ich habe die Judenchristin, Kreuzeswissenschaftlerin, Mystikerin und Martyrerin Edith Stein zur Fürsprecherin gemacht, die am 12. Oktober 1891, dem Versöhnungsfest „Yom Kippur“ geboren ist. Ein von ihr erst kürzlich wieder veröffentlichtes Schriftstück von 1936 „Das Gebet der Kirche“ enthält den ungewöhnlichen, theologisch richtigen Vergleich von Versöhnungstag und Karfreitag, ohne allerdings andeuten zu können wie viel diese Parallele für Edith Steins Identität bedeutete. Die Symbolik des Opfertieres, des holocaustum, ist ja – wie sich rückblickend sehen lässt – der antrieb für Edith Steins Lebensopfer geworden.

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