Dienstag der ersten Adventswoche

Advent – Sonettenkranz
III

 
Bedürftig, hungrig, süß – wie Kinder sind,
Das Händchen, das schon nach dem Leben greift,
Der Blick, der noch in Himmelsfernen schweift,
Neun Monde alt – ein neugebornes Kind,
 
Von Zellen bis zur Lebenskraft gereift,
Bis aus dem Mutterleib es drängt und rinnt.
Durchs Dach der kargen Bleibe pfeift der Wind,
Ein Sternenstrahl das nasse Köpfchen streift.
 
Der große Gott, der uns durch alle Zeiten
In Allmacht und in Liebe will geleiten,
Ist klein und niedlich, arm und schwach geworden.
 
Die Macht erfüllt mit Ehrfurcht und mit Schrecken,
Die Ohnmacht lässt die Zärtlichkeit entdecken.
So rührt Er uns, lässt Liebe überborden.

aus: Zyklische Sonette, tredition 2016

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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