Jesus und Bartimaios, von einem Straßenhändler beobachtet

Der Fremde war in Jericho gewesen.
Mein Laden ist am Stadtrand. Als Er ging,
wollt ich ihn sehen, vielleicht gar noch hören.
Nicht ich allein. Ihm folgten viele Menschen,
und viele strömten zu Ihm, teils aus Neugier
und teils weil sie auf Seine Hilfe hofften,
und manche nur, um Ihm ein Bein zu stellen.

Schräg gegenüber meinem Laden sitzt
ein blinder Bettler, immer dort, schon lange,
die Mutter Jüdin und der Vater Grieche,
Timaios oder so. Des Bettlers Namen
hab ich noch nie gehört, ist auch nicht wichtig.
Er sitzt halt dort und bettelt jeden Tag.

„Der Rabbi Jeschua!” „Der Meister!” „Ein Betrüger!”
„Man muss Ihn hören!” „Sollte ihn verhaften!”
Von vielen Jubel, und von manchen Flüche.
Und plötzlich laut: „Sohn Davids! Hab Erbarmen!”
Das kam von Bartimaios an der Ecke. 
Sohn Davids, dachte ich, der traut sich was,
der blinde Bettler, wie ein Schriftgelehrter,
will er denn den Messias selbst erkennen?

Schon zischte man ihm zu: „Sei still, du Bettler!”
Da schrie er überlaut: „Sohn Davids! Jeschua!
Erbarme Dich! Sieh meine Not, Sohn Davids!”

Und dieser Jeschua blieb einfach stehen,
zehn Schritte vor dem Bettler, sagte etwas
zu Seinen Jüngern, und die riefen
laut durcheinander: „Komm, hab keine Angst,
der Meister will dich sehen, Mut, komm her!”

Und dieser Blinde, der sonst immer stillsitzt,
nur vorsichtig und tastend kommt und geht,
der springt jetzt auf, verheddert sich im Mantel, 
wirft ihn beiseite, stolpert durch die Menge,
erreicht den Meister, steht vor Ihm und tastet,
und der lässt von dem Bettler sich berühren
und fragt ganz ruhig: „Was willst du, daß ich tue?”

Was ist das für ein Mensch? Er lässt den Blinden
allein und hilflos durch die Menge stolpern
und fragt ihn dann noch, was er von Ihm will?

Doch Bartimaios scheint das nicht zu stören.
Er sprudelt: „Meister, ich will sehen können!”
Und dieser Jeschua tut einfach nichts,
und sagt nur: „Geh! Dein Glaube rettet dich!”

Ganz ohne Handauflegen, ohne Formel,
„dein Glaube rettet dich” - und Bartimaios
reißt plötzlich weit die Augen auf, und dann
schlägt er entsetzt die Hände vor die Augen,
zieht sie dann langsam weg und blinzelt scheu
und öffnet wieder Mund und Augen, lacht,
sieht um sich auf die Straße und die Menschen,
die Buden und die Waren und die Bäume,
auf eine Katze, die sich von ihm streicheln ließ,
und wieder auf den Meister und die Jünger.

„Sohn Davids! Bitte – lass mich mit Dir gehen!”
Der nickt und legt den Arm und seine Schulter, 
gemeinsam gehen sie aus Jericho.

Vielleicht ist Er ja wirklich der Messias.

© Claudia Sperlich

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter KATHOLONIEN, LITERATUR abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Jesus und Bartimaios, von einem Straßenhändler beobachtet

  1. emmauspilger schreibt:

    Hallo Frau Sperlich, vielleicht ist es ihnen bekannt:
    Der Mantel eines Bettlers war damals so etwas, wie sein „Bettlerausweis“. Die jüdische „Verwaltung“ prüft Bedürftigkeit und Sachlage (macht sie ja auch bei „Aussätzigen“) und erlaubt dann das Tragen eines speziellen Mantels (schenkt ihn auch manchmal aus Barmherzigkeit), der etwa durch Farbe oder Mal und Form gekennzeichnet ist. Als Bartimaios seinen Mantel verliert, ja wegwirft, könnte er bereits den Glauben gehabt haben, dass er ihn nicht mehr braucht. Und man stelle sich vor, wie beschwerlich es für einen Blinden gewesen wäre, in der Menschenmenge später wieder seinen Mantel zu finden, die Befugnis wenigstens wieder betteln zu können.
    Hier finde ich es auch wunderschön, dass der Herr den Blinden rufen lässt und nicht zu ihm hingeht, wie wir es vielleicht tun würden. Gott gab dem Blinden nicht nur Gotteserkenntnis, sondern auch die Möglichkeit sich selbst in Bewegung zu IHM zu setzen und so den ersten Schritt tun zu können, zu glauben. Und dann respektiert Gott auch noch des Menschen Wille und Würde und fragt: „Was willst du, dass ich tue?“
    Danke für ihre schöne „Reportage“ zu Bartimaios.

    Gefällt 1 Person

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    So, jetzt habe ich noch einen metrischen Fehler beseitigt und nun ist es wirklich gut.

    Gefällt mir

  3. Bettina Klix schreibt:

    Liebe Claudia, sehr schön hast Du uns in die Geschichte noch einmal hineingenommen und neue Stellen des Bildes beleuchtet. Und durch den Kommentar des Emmauspilgers ist auch der weggeworfene Mantel zu einem noch wichtigeren Detail geworden, – den der Prediger gestern im Deutschlandfunk auch besonders hervorhob, wodurch ich diese Bewegung schon mitmachte, als er sagte: was könnten SIE noch wegwerfen, um zu Jesus zu gehen…
    Danke Dir!
    Gottes Segen,
    Bettina

    Gefällt 1 Person

Kommentare sind geschlossen.