Aber es wird ja doch getan!

Alle Frauen, die abtreiben wollen, tun das auch! Und wenn es verboten ist, auf gefährliche Weise! Oder im Ausland! – Das ist das ultimative Argument derer, die sich für ein „Recht auf Abtreibung“ einsetzen oder es gleich postulieren. Ich habe dagegen in satirischer Weise schon einige Male geschrieben, z.B. hier, hier und hier. Leider wird Satire nicht unbedingt von denen verstanden, die sie eigentlich angeht, daher hier noch einmal unsatirisch.

Das Strafrecht existiert aus einem einzigen Grund: Dinge, die verboten sind, werden eben doch getan. Wenn man sagen könnte „Diebstahl, Raub, Betrug sowie Mord und Totschlag sind verboten – haltet euch dran“, und dann hätte das zur Folge, daß alle sagen „Ja OK, das leuchtet ein, wir machen das nicht“, und all diese Dinge blieben künftig aus – dann brauchte man kein StGB, sondern nur eine Liste von dem, was verboten ist. Man müsste nur einfach in der Grundschule lehren, daß diese Dinge eben verboten sind, und alles wäre gut.

Leider verhält es sich anders. Menschen haben eine starke Neigung, Dinge zu tun, die man nicht tun darf. Das Argument „Abtreibung verbieten ist schlecht, weil die Menschen ja doch abtreiben und dann in die Illegalität getrieben werden“ ist unsinnig. Wie unsinnig, merkt man, wenn man statt „Abtreibung“ eine beliebige andere Tat in obigen Satz einsetzt.

Man kann Abtreibung ohne logische Verrenkungen nur dann aus dem StGB streichen, wenn man sie nicht schlecht findet. Dann muss man allerdings erklären können, warum das Beseitigen eines neugeborenen Sechsmonatskindes schlecht ist, das Vergiften und Ausschaben eines sechs Monate alten Kindes im Mutterleib aber nicht. Oder warum man am Ende doch eine Fristenlösung behalten möchte, und wie die Frist sich logisch erklären lässt. Oder warum man zu Recht empört ist über die Mißhandlung eines erwachsenen Schwerbehinderten, die Beseitigung eines ungeborenen Schwerbehinderten aber geradezu empfiehlt.

„Es ist noch kein Mensch“ lasse ich ein für alle Mal nicht gelten. Warum wäre dann der Jubelruf „Wir haben ein Baby!“ als Reaktion auf den lange sehnlich erwarteten positiven Teststreifen in Ordnung, wenn gleichzeitig bei einer unerwünschten Schwangerschaft im gleichen Stadium „Es ist bloß erst ein Zellhaufen!“ genau so in Ordnung ist? (Mal abgesehen davon ist etwas so klar Strukturiertes wie eine Morula oder ein Fötus wirklich nicht haufenförmig. Mich könnte man in meinem jetzigen Zustand mit weit mehr Recht als Zellhaufen bezeichnen.)

Wenn Abtreibung nicht mehr als Straftat gesehen wird, dann kann es keinen Grund geben, irgendwelche anderen Taten im StGB zu belassen. Denn alle Rechte sind dem Recht auf Leben untergeordnet.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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Eine Antwort zu Aber es wird ja doch getan!

  1. akinom schreibt:

    Als Kommentar eine Familiengeschichte, die den Blogbeitrag nicht direkt betrifft, aber katholisch und logisch ist: Meine Tochter hatte ihr 5. Kind im Mutterleib verloren. Unter einem Apfelbäumchen im Garten ist nun ein Gedenkstein mit bunt bemalten Steinchen auf dem meistens eine brennende Kerze steht. Das Kind hat einen Namen, ich habe es geistig getauft und der jüngste Sohn Thilo ist stolz, nicht mehr das jüngst Familienmitglied zu sein. Im Gebet spende ich täglich allen Ungeborenen die geistliche Taufe und gedenke ihrer beim „Rosenkranz für die Ungeborenen“ in der Meinung: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“

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