Wenn sie nicht ins Leben passen

In dem Kleinstaat Pavoralia wurde nach langen Diskussionen ein Gesetz verabschiedet, das die Tötung von Elternteilen legalisieren soll. Gesundheitsminister Odiose, der den Entwurf ausgearbeitet hat, äußert sich wie folgt:

„Jährlich werden bis zu zehn Elternteile von ihren in der Regel jugendlichen oder jungen erwachsenen Söhnen, seltener Töchtern, getötet. Wenn man die versuchten, aber nicht vollendeten Tötungen mitrechnet, kommt man ungefähr auf den vierfachen Wert. Auch wenn diese Zahlen innerhalb der Kriminalstatistik verschwindend klein sind, sind sie bedeutend wegen der besonderen Beziehung und der stark emotional besetzten Rezeption in der Gesellschaft.

Die von den Tätern angegebenen Gründe sind in aller Regel durchaus verständlich; das Verhältnis zu dem betroffenen Elternteil war regelmäßig schon seit langem mehr als nur angespannt. Allerdings sind regelmäßig die Tatwerkzeuge ebenso wie ihre Handhabung so beschaffen, daß man von einem langen Todeskampf und dadurch starker psychischer Belastung sowohl der Opfer wie auch der Täter ausgehen muss. Hinzu kommen die Fälle, in denen die Opfer überleben, aber nicht oder nur eingeschränkt arbeitsfähig bleiben – eine hoch belastende Situation nicht nur für sie selbst.

Es wird auch in Zukunft nicht möglich sein, hochbelastende Eltern-Kind-Beziehungen ganz zu vermeiden. Trotz aller Ratgeber und Beratungsstellen gibt es ja immer wieder Eltern, die meinen, darauf nicht angewiesen zu sein. Deshalb kommt es zu solchen unnötig qualvollen Toden, die zudem strafbewehrt sind. Den jungen Menschen, die schon lange genug unter despotischen oder vernachlässigenden Eltern gelitten haben, sowie den nicht mehr ganz jungen, deren Einkommen durch die hinfälligen, dementen Eltern ganz und gar verzehrt wird, wird danach noch ein Prozess und eine oft sehr lange Haftstrafe zugemutet; ihr Leben wird vollständig ruiniert, das Ziel der Tat ganz und gar konterkariert.

Deshalb haben wir nach gründlicher Überlegung und langen, auch kontroversen Debatten beschlossen, die Elternentfernung nach Beratung und mindestens dreitägiger Bedenkzeit gesetzlich zu ermöglichen. Allerdings darf sie in keinem Falle von den Kindern selbst oder von nahen Verwandten ausgeführt werden. Ausführende sind regelmäßig vom Staat besoldete Parenticisöre, die verpflichtet sind, die Betreffenden möglichst schmerzlos, schnell und diskret zu entsorgen.

Für eine Elternentfernung ist Antragstellung zwingend notwendig. Anträge kann man im Familienministerium, im Gesundheitsministerium sowie als pdf auf den Internetseiten dieser Ministerien bekommen. Bei Einreichung fällt eine Bearbeitungsgebühr von 50,– Penunzen an. Eine Befreiung von dieser Bearbeitungsgebühr kann aufgrund des Armenrechts beantragt werden; diese Möglichkeit ist aus praktischen Gründen im „Antragsformular Parenticid“ als Unterpunkt d) gegeben.

Zur Antragstellung berechtigt sind alle Einwohner Pavoralias, die das 14. Lebensjahr vollendet haben, sofern auch der betroffene Elternteil seinen Hauptwohnsitz in Pavoralia hat.

Der Antragsannahme folgt eine verpflichtende Beratung durch psychologisch geschulte Mitarbeiter entweder des Ministeriums oder des ortsansässigen Parenticisörs und soll das Leben der Eltern im Blick haben, aber sachlich und ergebnisoffen bleiben. Nach mindestens drei, höchstens 21 Tagen hat der Antragssteller ggf. durch persönliches Erscheinen beim ausstellenden Ministerium und eigenhändige Unterschrift seinen Entschluss zu bestätigen, oder der Antrag verfällt. Wird eine Frist versäumt, ohne daß der Antragsteller von seinem Wunsch nach Elternbeseitigung zurücktreten will, muss der Antrag neu gestellt werden. Bei Versäumnis infolge Krankheit kann ein Attest eingereicht werden; die Krankheitstage werden dann angerechnet.

Wir haben lange überlegt, ob wir die Erlaubnis zur Elternbeseitigung noch unbürokratischer geben können. Wir glauben aber, dies Mindestmaß an Bürokratie schulden wir den konservativen Kräften unseres Landes, deren Bedürfnis nach Sicherheit wir berücksichtigen müssen.

Mit der jetzigen Gesetzeslage ist es leichter und schonender möglich, sich seiner Eltern oder Elternteile zu entledigen, wenn es gar nicht mehr anders geht. Ein überfälliger Schritt in die richtige Richtung!“

Deutsche Politiker aller Fraktionen äußerten sich bestürzt über das neue pavoralianische Gesetz. Auf Nachfragen konnten sie ihre Bestürzung allerdings nicht völlig stringent begründen.

Werbeanzeigen

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter HÖLLISCHES, LITERATUR, WELTLICHES abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Wenn sie nicht ins Leben passen

  1. gerd schreibt:

    Chapeau! Ein Lesegenuß der besonderen Güte. Und das am Anfang des Jahres. Besonders der letzte Satz setzt ein umfangreiches Kopfkino bei mir in Gang.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Dank für das Lob! Ich überlege, ob ich öfter mal aus Pavoralia berichte.

      • akinom schreibt:

        Es gibt übrigens auch ein Halloween-Kontrastprogramm: Einen abendlichen Laternenzug unter Leitung von Pfarrdechant Trautmann auf den Waldfriedhof mit Segnung der Gräber. Ich glaube, da werden viele Seelen aus dem Fegefeuer befreit. Oder? Gutes sage ich immer gerne weiter in der Hoffnung auf Nachahmung.

Kommentare sind geschlossen.