Ich halte mich nicht an Fastnachtsbräuche, aber

… soweit ich weiß, darf man da auch mal beißen. Nicht nur in Berliner.

Kirchenzwist

Wie sollen wir der Kirche Einheit finden,
Wenn schon die Katholiken unter sich
Um nichts und alles zanken fürchterlich,
Die Wunden größer reißen statt verbinden?

Die Tradis hier, die Modernisten dort,
Die Fundis fetzen sich mit Liberalen,
Die einen drohen uns mit Höllenqualen,
Die andern wischen alles Ernste fort.

Verhaspelt sich der Priester im Gebet,
Erhebt den Kelch er nicht ganz hoch genug,
So ruft der Tradi: Das ist alles Trug,
Ein Frevler, wer zur Kommunion hier geht!

Und lässt der Lektor Paulus unverbessert,
Nach dem die Frau sich unterordnen soll,
Gebärden Modernisten sich wie toll
Und wollen, daß man Bibelwort verwässert.

Zwar holt der Priester Luft und betet richtig,
Erhebt den Kelch, so gut sein Arm es kann.
Zwar Paulus ruft zur Ordnung auch den Mann –
Zur Unterordnung! – doch das scheint nicht wichtig.

Die einen wollen, um dem Herrn zu dienen,
Nur das Perfekte – und das gibt es nicht.
Sie meinen, dann nur scheint das Glaubenslicht,
Wenn Priester funktionieren wie Maschinen.

Die andern stellen sich am liebsten vor,
Daß irgendwas Spirituelles waltet,
Und wenn das Herz beim Priesterwort erkaltet,
Dann wärmt an fremder Lehre man das Ohr.

Und ich? Ich stehe weinend in der Mitte
Und will doch einfach nur katholisch bleiben
Und mir den Menschgewordnen einverleiben
Nach Lehre, Tradition und guter Sitte.

© Claudia Sperlich

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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8 Antworten zu Ich halte mich nicht an Fastnachtsbräuche, aber

  1. gerd schreibt:

    Wenn Sie nach Lehre, Tradition und guter Sitte katholisch sein wollen, gehören Sie automatisch zu den Tradis. Das kann man auch sein, ohne den Priester am Altar genau zu beobachten, macht allerdings die Verballhornung der Messen landauf landab nur schwer erträglich. Und das ist sozusagen Standart in der Wohlfühlkirche die vollends von den Modernisten übernommen worden ist.

  2. Claudia Sperlich schreibt:

    Leider sind meine Erfahrungen mit den einen wie den anderen genau wie beschrieben. Das Gedicht mag launig-komisch klingen, es ist einfach nur Erfahrung. Die meisten Tradis, mit denen ich das Pech hatte, zusammenzutreffen, halten mich für eine Modernistin und Verräterin. Die meisten Modernisten, die ich schon mal ertragen musste, halten mich für eine Tradi, im Mittelalter verhaftet (was immer das sein mag).
    Ich gehöre automatisch nach Tradi-Ansicht in die Hölle oder zumindest nicht in die Kirche, nach Modernisten-Ansicht ins Mittelalter (bzw. in das, was sie für Mittelalter halten). Da kann man nichts machen.

    • Heinrich Große Liesner schreibt:

      Liebe Frau Sperlich,
      Ihr Gedicht spricht mir aus dem Herzen. Ich denke machmal, wenn es mit der Feindesliebe noch nicht so recht klappen will, wäre es doch schon mal ein guter Anfang, die ‚Anderen‘ in der Kirche zu lieben. (Nicht, dass es mir leicht fiele, aber einen Versuch sollte es doch wert sein).
      Herzliche Grüße aus dem Münsterland,
      Heinrich Große Liesner

  3. H.-J. Caspar schreibt:

    Liebe Frau Sperlich,
    die Hölle ist nicht mehr so heiß, wie es früher drohend gelehrt wurde, vgl. hier: https://www.gutenachrichten.org/gute-nachrichten-zeitschrift/eine-hoelle-die-nicht-mehr-so-heiss-brennt.htm.
    Viele Grüße
    Hans-Jürgen Caspar

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Lieber Herr Caspar,
      finden Sie die Vorstellung, für immer – für ewig, ohne jede Aussicht auf Besserung – von Gott, von Liebe, von Freude vollkommen getrennt zu sein, erleichternd? Irgendwie besser als Dantes Gruselbilder?
      Abgesehen davon, daß es mir in meinem Gedicht gar nicht um die Hölle geht, sondern um innerkatholischen Zoff, scheint Ihr Kommentar mir zu zeigen, daß ich wohl mal über die letzten Dinge bloggen muss.

      • H.-J. Caspar schreibt:

        Liebe Frau Sperlich,
        die Vorstellung, dass die Toten auf ewig ohne Bewusstsein und demzufolge auch ohne Liebe und Freude sowie von Gott getrennt sind, finde ich erträglicher als die offenbar ebenfalls zeitlich unbegrenzten Qualen, die sich Dante ausdachte.
        Auch habe ich wohl bemerkt, dass es in dem Gedicht nicht um die Hölle geht; doch wird sie in ihm erwähnt. Deshalb habe ich mir erlaubt, auf zwei Internetseiten hinzuweisen, die sich näher mit diesem Begriff beschäftigen.
        Zu erfahren, wie Sie über „die letzten Dinge“ denken, würde mich sehr interessieren.
        Mit herzlichen Grüßen
        Hans-Jürgen Caspar

  4. gerd schreibt:

    Die letzten Dinge bereiten uns das Bundesverfassungsgericht und ein Virus gerade fein säuberlich vor. Da wünscht man sich geradezu ins Mittelalter.

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