Ökumene in Friedenau

Heuer war die katholische Marienkirche in Berlin-Friedenau Gastgeberin des jährlich stattfindenden ökumenischen Gottesdienstes innerhalb der Gebetswoche für die Einheit der Christen.
Die anwesenden Geistlichen waren

Katholiken: ein Pfarrvikar, ein Dekan, ein Kaplan (Salvatorianer), ein Pfarrer (Franziskaner),
Orthodoxe: ein griechisch-orthodoxer Archimandrit, ein dito Priestermönch, ein syrisch-orthodoxer Priester,
ein altkatholischer Dekan,
ein baptistischer Pastor,
zwei evangelische Pfarrer, ein dito Prädikant,
eine Frau von der Neuapostolischen Kirche,
eine evangelisch-methodistische Pastorin.

Die Neuapostolische Kirche stellte den hervorragenden A-Capella-Chor – ich bin wirklich der Bewunderung voll. Die gemischte Gemeinde sang aus de katholischen Gotteslob, und unser Organist Dr. Knappe gab sein Bestes.

Ich war etwas skeptisch gekommen, mein Sinn für Ökumene ist nicht so ausgeprägt. Aber hier wurde schnell klar: Es gibt weit mehr Verbindendes als Trennendes. Mir als Katholikin stehen von „den anderen“ sicher die Orthodoxen mit ihren Gewändern und ihrer zugleich fröhlichen und feierlichen Art näher als die anderen Konfessionen. Aber es war schön, feierlich und anrührend und ganz und gar vom Geist christlicher Liebe getragen, daß jede Konfession zu Wort kam und das gemeinsame Ziel offenkundig war, Gott zu preisen, Ihm und einander zu dienen.

Als erste Lesung hörten wir die Schilderung vom Schiffbruch auf Malta (Apostelgeschichte 27,18-28,10) – und der Satz „Sie waren uns gegenüber ungewöhnlich freundlich“ stand als Motto über dem Gottesdienst. Es folgte das Evangelium nach Markus 16,14-20 – erst in neugriechischer, dann in italienischer und dann in deutscher Sprache.

Die Predigt zur Apostelgeschichte fand ich eine Spur zu lang, aber nicht schlecht – es ging um den Begriff der Gastfreundschaft, und gut fand ich, daß dabei auch das freudige Staunen über den noch fremden Gastfreund Thema war.

Wir sprachen gemeinsam das Glaubensbekenntnis von Nizäa und Konstantinopel. Es folgte eine Zeichenhandlung. Im Altarraum war ein veritables kleines Segelschiff aufgebaut, auf den Stufen lagen Rettungswesten mit großen Beschriftungen. Die Rede war davon, daß die verschiedenen Konfessionen in einem Boot sitzen – und daß es im Falle eines Sturmes auch Rettungswesten gibt, nämlich Versöhnung, Einsicht, Hoffnung, Vertrauen, Kraft, Gastfreundlichkeit, Umkehr und Großzügigkeit. Um diese den Frieden rettenden Eigenschaften beteten wir.

Das Vaterunser wurde erst von dem Syrisch-Orthodoxen in aramäischer Sprache gesungen – das klang sehr schön und feierlich. Dann beteten wir es gemeinsam auf Deutsch.

Nach Friedensgruß, Sendungswort, Segensbitte und Schlußchoral war noch Gelegenheit zum Plaudern im Pfarrsaal. Ich ging aber gleich nach Hause, hatte nicht mehr solche Lust auf Plauderei.

Zu den Erkenntnissen des Abends gehört:
– Ökumene geht sicher nicht immer reibungslos, aber gute, erfüllende und frohe ökumenische Gottesdienste sind möglich.
– Dazu ist sehr förderlich, wenn weit mehr zu Gott als von irgendetwas anderem gesprochen wird. Sollte man eh öfter so halten.
– Die Neuapostolische Kirche wird sicher nicht meine – aber die Gemeinsamkeiten mit der Katholischen Kirche sind weitaus größer als ich dachte.
– Die beiden geistlichen Frauen waren in Zivil, und ich finde Ornat oder Talar einfach besser. Ich könnte mal darüber bloggen, warum.
– Auch wenn jeder einzelne heimlich und voll besorgter Liebe gebetet hat „Lass sie alle zu meiner Glaubensrichtung konvertieren“, tut das dem ökumenischen Gedanken keinen Abbruch. Wir waren in Christi Namen und damit um Christus versammelt.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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5 Antworten zu Ökumene in Friedenau

  1. thomas schreibt:

    Ernstgemeinte Frage:
    Ging der Hl. Geist vom Vater oder vom Vater und dem Sohn aus?
    Orthodoxe und Katholiken beten das ja anders.

  2. akinom schreibt:

    Mein zwiespältiges Verhältnis zur Ökumene war das Wedeln mit bunten Bändern und das allzu oft gelebte: „Wir glauben ohnehin alle nicht mehr. Dann können wir das auch gemeinsam tun!“ Aufgerüttelt hatte mich dann vor Jahren das Buch von Prof. Dr. Klaus Berger: „Glaubensspaltung ist Gottesverrat“. Ökumene ist dagegen der Ruf zur Einheit in der Liebe. Vorbildlich und überaus beeindruckten wird das im Gebetshaus Augsburg und bei der MEHR-Konferenz gelebt und sicher auch in Friedenau.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Oh ja, auf der MEHR habe ich Ökumene sehr schön erlebt!
      Mit dem Grundtenor der Liebe und mit festem Glauben geht Ökumene, sonst ist es Wischiwaschi.

      • gerd schreibt:

        Wir in Deutschland erleben seid 500 Jahren Wischiwaschi im großen Stil. „Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen!“ Das gilt wohl auch für die Zugehörigkeit zu seiner Kirche. Wenn ein Protestant oder ein Freikirchler den Grundtenor der Liebe und ihrem festen Glauben bemühen, dann kann eine ökumenische Feier da nicht viel dran ändern. Ich kenne einige evangelische Christen, die durchaus auch einen festen Glauben haben und nicht im Traum daran denken diesen aufzugeben.

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