Natürlich bin ich mehr wert als ein Zellhaufen.

Insofern bin ich mit den Aktivisten, die diese und ähnliche Aussagen immer wieder argumentativ in der Debatte um Abtreibung benutzen, durchaus einig – auch wenn ich meine Überzeugungen nicht an die Hauswände anderer Leute schreibe.

Zellhaufen
Standbild aus diesem Video

Nur weiß ich, daß ein Mensch in keinem Stadium seiner Entwicklung Form oder Eigenschaft eines Haufens hat (wovon auch immer).

Als Haufen bezeichnet man eine ungeordnete Menge von Materie. Es ist dabei gleichgültig, ob man Mist oder Gold aufhäuft oder irgendetwas anderes, oder ob der Haufen ohne menschliches Zutun entstanden ist und aus einem ganz unbekannten Material (oder mehreren Materialien) besteht. Ein Haufen ist per definitionem ungeordnet und nicht lebensfähig. Natürlich kann er (im Fall von Mist) von Leben, d.h. kleinen Organismen, nur so wimmeln. Oder er kann (im Fall von Gold) Leben ermöglichen durch den Kauf von Nahrungsmitteln, den Freikauf Gefangener, durch den Bau von Kliniken usw. (wobei er allerdings abnimmt). Er kann aber auch bei noch so guter Zufuhr von Nährstoffen nicht als eigenständiger Organismus wachsen. Es mag sein, daß aus einem Menschen irgendwann durch verschiedene Zwischenschritte ein Misthaufen wird. Aber ein Misthaufen wird kein Mensch.

Was eine Schwangere in der Gebärmutter hat, ist zu keiner Zeit ein Haufen. Zum Haufen wird das kleine Wesen erst gemacht, wenn man es zerstückelt (was bei einer Abtreibung durch Absaugung oder Ausschabung geschieht). Tatsächlich ist das Kind vom Augenblick der Befruchtung an höchst strukturiert – oder würden Sie eine befruchtete Zelle als Haufen bezeichnen? Oder eine Morula? Ein Wesen, in dem sich gerade der Ansatz eines Rückgrats bildet, später dann ein Gehirn? Das so wunderbar strukturierte Leben im Mutterleib wächst, entwickelt sich und hat von Anfang an seinen einzigartigen Bauplan.

Jeder Mensch ist von seiner Zeugung an mehr wert als ein Zellhaufen – viel mehr, und bleibt es bis zu seinem Tode. Sofern man an ein ewiges Leben glaubt, auch darüber hinaus. In jedem Fall ist der Ausdruck „Zellhaufen“ für einen Menschen im frühen Entwicklungsstadium ein bösartiges Sprachspiel.

Also, Leute, kommt mir nicht mit Zellhaufen. Lebewesen sind in keinem Stadium ihres Lebens Haufen. Auch Menschen nicht. Im übrigen habe ich noch nie von einem Aktivisten gleich welcher Couleur gehört, ein Karakul sei ja nur ein Zellhaufen. Wenn mir also jemand mit dem Zellhaufen-Argument unter die Augen kommt, so möge er das konsequenterweise mit einem Persianerpelz bekleidet tun. Dann finde ich das Argument zwar immer noch falsch, aber er selbst hat wenigstens irgendetwas Stringentes an sich.

Projekte wie 1000plus und Beratungsstellen wie Pro Femina setzen sich für den unbedingten Schutz menschlichen Lebens ein. (Zahlreiche andere, staatlich anerkannte Beratungsstellen tun das leider nicht.) Menschen, die andere Menschen als Zellhaufen bezeichnen (und damit u.a. ihre biologische Ahnungslosigkeit demonstrieren), setzen sich für ein Recht auf Vernichtung menschlichen Lebens ein. Jedoch ist kein einziger Mensch, ob er nun Beraterin bei Pro Femina ist oder irgendwas über Zellhaufen an eine Kirchenwand schreibt, jemals in seinem Leben ein Haufen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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