Maria, Magd, Königin

Ein Kommentator gab zu meinem vorigen Artikel zu bedenken:

Seit 1900 werden über 600 Erscheinungen gezählt.
In (fast) jeder Predigt wird Maria (ganz wie es passt) als „stille, gehorsame Dienerin“ (anders als die Weibsen von „Maria 2.0“) oder als die Himmelkönigin und Mittlerin aller Gnaden beschworen.

Kurz habe ich schon dort geantwortet. Hier meine ausführliche Antwort.

Zeit und Häufigkeit

Ein bemerkenswerter Artikel auf der Seite der Karl-Leisner-Jugend befasst sich mit der Häufung von Marienerscheinungen seit 1830 (nicht erst 1900). Der Autor erklärt, daß seit diesem Zeitpunkt Maria den Menschen, denen sie erscheint, keine nur persönliche Nachricht bringt, sondern regelmäßig eine Botschaft an die Welt. Er verbindet das mit den gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen seit 1830, die die Kirche stark (und zum großen Teil unheilvoll) beeinflussten. Interessant ist hierbei, daß ein besonderer Schwerpunkt all jener Erscheinungen auf Mariens Freiheit von der Erbsünde liegt.

Ob seit 1900 sechshundert Marienerscheinungen gezählt werden, überprüfe ich hier nicht. Eindeutig werden mehr Marienerscheinungen berichtet, als hinterher von der Kirche tatsächlich anerkannt werden. Seit 1830 sind vierzig Marienerscheinungen von der Kirche ausdrücklich nicht anerkannt worden (d.h. sie sind entweder erwiesenermaßen unwahr oder äußerst zweifelhaft ohne Möglichkeit, diese Zweifel zu bereinigen). Zahlreiche Erscheinungen, darunter die in Medjugorje, sind noch nicht abschließend beurteilt. Bei Medjugorje ist interessant, daß die Echtheit der Erscheinungen aus mancherlei Gründen angezweifelt werden darf (nicht muss!), dennoch aber Medjugorje ein Ort zahlreicher Bekehrungen und großer echter Frömmigkeit ist. Sollten die Erscheinungen erfunden sein, so beweist das nur, daß der Satan (Vater der Lüge) von der Allerseligsten Gottesmutter übertrumpft wird: Sie erschien dort möglicherweise nie, aber sie lässt die Frömmigkeit blühen.

… in (fast jeder Predigt

Ich gehe davon aus, daß ich mehr Predigten gehört habe als der Kommentator. Und ich sage: Hier irrt er.

Dienerin

Lukas beschreibt die Verkündigung an Maria. Wir sind gewohnt zu sagen, sie habe zugestimmt. Dagegen scheint zu sprechen, daß der Engel ihr schlicht gesagt hat, sie werde den Sohn des Höchsten gebären – nicht, daß sie eine Wahl habe. Aber tatsächlich stellt sie nach der großartigen Ansage des Engels nur eine sachliche Frage: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ Sie hört die Erklärung des Engels: Heiliger Geist werde das bewirken. Und darauf sagt sie nicht „Oh, das passt jetzt aber schlecht“, oder „Muss das wirklich sein?“, oder „Meine Nachbarin ist viel lieber als ich, geh doch zu ihr“, oder schlicht „Der Herr verschone mich damit“ – sondern: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ – Also: „Ja.“
Der griechische Urtext ἰδοὺ ἡ δούλη κυρίου lässt sich wörtlich übersetzen: „Siehe die Sklavin des Herrn.“ Maria unterwirft sich völlig. Das geschieht nicht aus dumpfer Gedankenlosigkeit; im Magnificat wird sie wenige Tage später beweisen, daß sie mit der Bibel vertraut genug ist, um das Lied der Hanna zu zitieren, und zugleich die poetische Phantasie besitzt, ein neues, authentisches Lied zu dichten.
Maria ist demütige Magd des Herrn.

Himmelskönigin

Schon durch die Anrede des Engels wird Maria als einzigartig herausgestellt. Er beginnt:

Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mir dir.

Auf ihr Erschrecken wiederholt er das in etwas anderen Worten:

Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden.

Wenig später geht sie zu Elisabet. Die spürt eine starke Kindsbewegung (würde ein Gynäkologe sagen) und ruft „vom Heiligen Geist erfüllt“ aus:

Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.
Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?
Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib.
Und selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.

„Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.“ Diese Gleichsetzung macht Maria nicht zur Göttin (die in Konkurrenz zu ihrem Sohn stehen müsste), sondern bestätigt, daß auf ihr die gleiche Segensfülle ruht wie auf dem ungeborenen Jesus (zu dieser Zeit noch im Morula-Stadium).

In der Offenbarung des Johannes wird der Kampf eines Drachens (Symbol für den Teufel) gegen eine Gebärende und deren Sohn beschrieben. Der Sohn wird in den Himmel entrückt. Die Frau ist mit überragenden königlichen Attributen ausgestattet – die Sonne als Kleid, der Mond als Fußschemel oder Thron, eine Krone aus Sternen. Viel ist über diese Vision gerätselt worden. Aber bitte: Eine Frau, auf deren Sohn der Teufel es in besonderer Weise abgesehen hat, dieser Sohn soll über alle Völker herrschen und wird zu Gott entrückt – wer soll denn diese Frau sein, wenn nicht Maria? Und wenn sie in dieser Vision als Königin des Himmels gesehen wird, dann ist sie das eben. Wenn Gott sie mit Sternen gekrönt hat, wer bin ich, ihr diese Krone vom Kopf zu reißen?

Mittlerin der Gnaden

Mittlerschaft ist Marias Stellung und Aufgabe. Sie bringt den Heiland zur Welt, ist ihm mütterlich verbunden. In Kana ist sie Vermittlerin, indem sie ihren Sohn anspricht, als der Wein ausgegangen ist. Weil die Begnadete den Herrn – der die Gnade selbst ist – empfangen und geboren hat, kommt ihr diese Bezeichnung zu. Sie ist in der Schwangerschaft ganz wörtlich „voll der Gnade“ und bleibt es im geistlichen Sinne für immer.

Magd des Herrn, Gottesmutter, Himmelskönigin, Mittlerin der Gnaden, bitte für uns.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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3 Antworten zu Maria, Magd, Königin

  1. akinom schreibt:

    Gefreut hat mich in der heutigen Dülmener Zeitung ein epd-Bericht mit dem Titel: „Augsburgerin startet die Bewegung „Maria 1.0“ – „Maria braucht kein Update.“ Laut diesem Bericht hat die katholische Lehrerin aus Schongau, Johanna Stör, diese Bewegung ins Leben gerufen. Die 33-jährige will sich nicht als Gegenbewegung von „Maria.02“ verstanden wissen, sondern als Hinwendung zur Mutter Gottes. Man wolle Maria „nicht instrumentalisieren, um eigene Interessen durchzusetzen“, heißt es auf ihrer Internet-Seite. Sie verweist auf die Päpste Johannes Paul II, und Franziskus, die beide Frauen von Weiheämtern ausgeschlossen haben. Der Tagespost sagte sie, dass die päpstlichen Schreiben klar machten, dass es sich um eine Glaubenswahrheit handle, die eben nicht verhandelbar sei. – Bravo! Ist das nicht ein Beispiel dafür, dass Gott auf krummen Zeilen, gerade zu schreiben pflegt? Genau dafür kämpft auch Claudia Sperlich.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Johanna Störs Aufruf habe ich mich auf ihrer facebook-Seite schon angeschlossen. Ich bin sehr froh, daß eine Zeitung auf sie aufmerksam geworden ist.

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