Ein Morgen im Advent

5.00 Uhr. Der Wecker läutet. Kurz darauf frisch gewaschen und angezogen, bete ich eine Ultra-Kurzfassung der Laudes, schwinge mich auf mein Fahrrad und fahre zur Roratemesse. Kerzenhell ist die Kirche, für Pessimisten: kerzendunkel. Wunderschön. Die Organistin, die heute vertretungsweise spielt, macht ihre Sache sehr gut – und sie singt wundervoll. (So ein Volumen, so früh am Morgen!) Die Messe ist schön und macht froh. Der Herr wird kommen – und Er kommt verhüllt schon jetzt.

5.50 Uhr. Frühstück ist liebevoll angerichtet. Es entstehen nette Gespräche. Ich gebe dem Pfarrer ein Exemplar des neuen X451, und er stürzt sich sofort auf meinen Beitrag und fragt mich kurz darauf, ob ich den nächstes Jahr in der Weihnachtsausgabe unseres Pfarrblatts veröffentlichen möchte. Ja, ich will.

7.50 Uhr. Ich helfe, die Tische abzuräumen. Dann habe ich noch Zeit für einen Rosenkranz in der Kirche – die Glasbecher mit den Kerzen stehen dort immer noch und geben ein schönes warmes Licht. Jesus, den du, o Jungfrau, vom Heiligen Geist empfangen hast. So große Freude steht bevor!

8.30 Uhr. Der Obdachlose, der hier „seinen“ Platz hat, ist wieder da. Ich sage ihm Guten Morgen und sehe, seine rechte Hand ist verbunden. Was ist passiert, frage ich. Vor drei Tagen, nachts, wurde er von sechs Jugendlichen überfallen und zusammengeschlagen und -getreten. Das rechte Bein ist arg lädiert, die Hand mehrfach gebrochen. Er ist in Behandlung, aber ambulant. Und sie verschreiben ihm immer nur so wenig Schmerzmittel, weil er Magenkrebs hat und sie fürchten, daß das seinem Magen schadet. Er lacht. „Als ob es mir darauf noch ankäme. Ich weiß, daß ich Krebs habe. Aber jetzt will ich ganz einfach keine Schmerzen haben.“ Mit dem Rat „Legen Sie sich ins Bett, gönnen Sie sich Ruhe und kühlen Sie die Hand gut“ (dem ihm ein ahnungsloser Arzt durchaus freundlich gegeben hat) kann er nichts anfangen.
Nacheinander kommen noch zwei andere Frauen. Jede gibt ihm fünf Euro, eine noch einen Beutel Clementinen, und sie will ihm Schmerzmittel kaufen. Als sie weg ist, strahlt er mich an. „Sie bringen mir Glück.“ Dann sagt er noch, es ist immer so schön, wenn ihm einfach jemand normal Guten Tag wünscht. Das rührt mich sehr. Ich nehme mir vor, noch mehr für diesen Obdachlosen zu beten als bisher. Und wenn ich wieder kann, ihm etwas zu geben.

9.30 Uhr. Vor meiner Tür hält ein Lieferwagen. Hinter ihm ein zorniger Autofahrer. Zunächst kann ich seinen Zorn verstehen, denn der Lieferwagen versperrt die Straße. Dann aber steigt er aus (verständlich), schaut nach dem Fahrer (auch verständlich) und schreit sofort los, so könne man vielleicht in Polen fahren, aber nicht in Deutschland, nicht in Deutschland! Der Fahrer des Lieferwagens geht in die Defensive. Zunächst verhältnismäßig ruhig: Er müsse hier abladen. Und man könne ja auch bitte sagen. Darauf brüllt der andere weiter, wird immer aggressiver. Der Lieferant reagiert nun bockig. Nein, er fährt da nicht weg. Der tapfere Deutsche macht nun Miene, handgreiflich zu werden. Jetzt bekomme ich genug, sage energisch „Auseinander!“ und stelle mich dazwischen. Samt Fahrrad. Na, es geht noch eine Weile weiter, das Gebrüll, nun von beiden – aber Brüllen tut niemand weh, denke ich, und da ich mal eine Ersthelferausbildung gemacht habe, müsste ich nach einer Schlägerei vermutlich ziemlich dreckige Arbeit leisten, also lieber jetzt dafür sorgen, daß es keine Schlägerei gibt. Kaum denke ich, jetzt sind sie soweit abreagiert, daß ich gehen kann, hat sich nun der Lieferant so hochgeputscht, daß er aggressiv auf den anderen zugeht. Also noch mal dazwischen, diesmal ohne Fahrrad, das passt nicht mehr dazwischen. Die Tochter des Autofahrers, eine junge Frau, sagt schon seit einiger Zeit immer wieder „Papa, lass doch, lass doch“, ich sage das Gleiche etwas anders: „SIE gehen jetzt DA LANG und SIE DA LANG“, und zeige dabei jedem der Streithähne seinen Wagen. Endlich kapieren sie es.

Noch kurze Zeit am Computer, dann muss ich wieder los. Zu Freunden, die sich nicht so aufführen, und auf die ich mich freue.

Advent. Heilige Zeit, Bußzeit, Stille Zeit, Zeit der Erwartung. Komm, Herr Jesus.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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