Vom Segen der Zerbrechlichkeit. Grundworte der Eucharistie

So heißt ein im echter verlag erschienenes Buch des Priesters Andreas Knapp.

Das Buch richtet sich an Katholiken, die die Eucharistie nicht oder nicht mehr von Herzen mitfeiern können, weil sie die alten Formeln nur noch herunterhaspeln. Knapp beleuchtet den vielschichtigen Sinn der Eucharistie in zehn Kapiteln; aufmerksam gelesen, führt er damit auch andere als Katholiken zu einem Verständnis dessen, was das Zentrum katholischen Glaubens ist.

Es geht in den Kapiteln vordergründig nicht um die Eucharistie, sondern um den Menschen – den der Autor dann aber in Beziehung zur Eucharistie setzt. Beispielsweise: Eucharistie ist ein Dankopfer – und es ist grundsätzlich richtig, dankbar zu sein; es findet eine Wandlung statt – und Wandlung ist ein grundsätzliches Geschehen im Leben.

Eingeflochten in jedes Kapitel sind kurze Gedichte, teils von Lothar Zenetti, teils vom Autor, der offenbar sehr von Zenetti beeinflusst ist. Mich nervt der Stil dieser Gedichte, an einigen Stellen finde ich sie geradezu wegführend vom Eucharistieverständnis. Ein wenig versöhnt werde ich dadurch, daß auch Matthias Claudius und Joseph von Eichendorff zitiert werden.

Zwischen allem Richtigen, was Knapp anfangs über Erinnerung, die realistische, sinnstiftende und im Gegensatz dazu die nostalgische Erinnerung schreibt, stoße ich leider auch auf diesen Satz: „In der Kirche treten Traditionalisten auf, die die alte lateinische Liturgie schönfärben und das Gemeindeleben vergangener Zeiten als das Goldene Zeitalter ausmalen.“ Das ist ein überflüssiger Seitenhieb auf die Pflege des Lateinischen Ritus. Wurde nicht gerade eben die verbindende und erhaltende Bedeutung der Erinnerung für die Gemeinschaft erläutert? Auch wenn ich mich im Novus Ordo heimisch fühle, stört mich dieser Satz.

In den folgenden Kapiteln geht es um Geschenk und Dank. Knapp beschreibt hier an einem eigenen Erlebnis die Erkenntnis, daß ein Geschenk nicht notwendig zum bleibenden Eigentum wird, über das man verfügen kann – es kann sich um eine bestimmte geschenkte Zeit und Situation handeln, die im Nachhinein nicht mehr weggenommen werden kann, aber auch nicht beliebig wiederholbar ist. (Das ist eine der stärksten Stellen im Buch.) Er ermuntert den Leser zu einer Haltung der Dankbarkeit, auch für die schwer erträglichen Momente des Lebens. Dabei stellt er klar, daß der Dank auch im Leid nicht dem Leiden an sich gilt. Er versteht Leid als Teil eines weiterführenden Prozesses. „Wer für das Schwere danken kann, das auf ihm lastet, kann leichter und erlöster mit ihm umgehen.“ Allerdings hätte ich mir in diesem Kapitel eine differenziertere Sicht auf christliche Leidensmystik gewünscht. Der Hinweis, daß man Gott nicht nur trotz Leid, sondern im Leiden finden kann, fehlt.

Unter dem Stichwort „Wandlung“ wird die im menschlichen Leben nötige Wandlung zu sehr in den Vordergrund gerückt; das Mysterium der Wandlung auf dem Altar erscheint dadurch nur noch als Zeichen dafür, daß wir uns eben alle wandeln müssen.

Das fünfte Kapitel über die Versöhnung (in dem Knapp auch den Unterschied zwischen Vergeben und Versöhnen erklärt) ist das erste Kapitel, das mir gefällt. „Wie ein roter Faden ziehen sich Bitte um Vergebung und Zusage von Versöhnung durch die Feier der Heiligen Messe.“ Hier geht es wirklich zur Sache; Knapp beschreibt die Notwendigkeit der Versöhnung und die Notwendigkeit der Messe, um überhaupt zur Versöhnung zu gelangen.

Die folgenden Kapitel über das Brotbrechen und die Gemeinschaft sind dann wieder sehr menschelnd, in der Beschreibung von Einsamkeit tendenziell kitschig. Daß die Erfahrung von Einsamkeit und Verlassenheit schlimm ist und niemandem erspart bleibt, kann man wirklich in ein bis zwei Sätzen sagen – die weitschweifige Art des Buches nervt mich hier besonders. Ärgerlich ist dieser Absatz: „Die geteilte Schokolade schmeckt nach mehr, wenn ich sie zusammen mit meinem kleinen Bruder esse. Auch das in der Eucharistie ausgeteilte Brot bekommt eine andere Qualität: Es wird Leib Christi. Das heißt: Im geteilten Brot empfange ich die Gemeinschaft der Kirche, der ich als lebendiger Teil zugehören darf.“
Hier wird der Eindruck erweckt, als werde die Hostie erst durch das Teilen konsekriert (stimmt nicht, die Konsekration findet vorher statt und ist unabhängig von der Anzahl der Gläubigen, die die Eucharistie empfangen). Ich empfange auch nicht die Gemeinschaft der Kirche, sondern den Leib des Herrn; hier die Aussage, daß die Kirche der mystische Leib Christi ist, mit der Aussage Jesu bei der Stiftung der Eucharistie „Dies ist mein Leib“ zu vermengen, ist unlauter. Und leider führt der Autor das noch über mehrere Seiten aus. „In der Eucharistie geht es darum, dass wir uns gegenseitig annehmen und empfangen – wie eine Speise.“ Nein! Daß wir dies können, ist eine Folge der Eucharistie, aber nicht „das, worum es geht“. Es geht unter vielem anderen auch darum; man könnte sagen „Zum Sinn der Eucharistie gehört, dass wir uns gegenseitig annehmen und empfangen können“ – aber mit seiner Wortwahl weckt der Autor den Eindruck, als gehe es vorrangig um das Erlebnis von Gemeinschaft.

Am Ende gewinnt das Buch noch einmal sehr: Das Kapitel über Opfer und Hingabe sagt Gutes und Richtiges über den Opferbegriff und die Wichtigkeit, das Opfer nicht als eine Art Bezahlung oder Bestechung Gottes zu verstehen. Das folgende Kapitel über die Realpräsenz beginnt mit einem Exkurs über Illusionen, um diesen dann Jesus als die eigentliche Wirklichkeit gegenüberzustellen. Brot ist einerseits einfaches Stärkungsmittel, eindrucksvoll in der Geschichte von Elias beschrieben (und hier mit einem Gedicht des Autors illustriert, das ich wirklich gut finde), andererseits als konsekrierte Hostie der Herr selbst und Antwort auf menschliche Sehnsucht. „Auch die Eucharistiefeier will nicht satt und zufrieden machen, sondern den tieferen Hunger spüren lassen: Den Hunger nach mehr; die Sehnsucht nach einem Glück, das die vielen oberflächlichen Glücksangebote der Konsumgesellschaft übertrifft; die Hoffnung auf eine Sättigung, die den vorübergehenden Gaumenkitzel übersteigt. Der Empfang eines kleinen Stückchen Brotes macht nicht satt, sondern weckt den Hunger nach einer Liebe, die größer ist als alles, was diese Welt geben kann.“

Im letzten Kapitel „Eucharistie: Speise für unterwegs und Geheimnis, in dem wir daheim sind“ ist von Auftrag und Sendung der Christen die Rede. Die Eucharistie wird hier als Wegzehrung (keineswegs nur für Sterbende) hervorgehoben, als das Mahl, das wir brauchen, um in dieser Welt Christen sein zu können. Knapp schreibt von den Emmausjüngern, die durch das von Jesus geteilte Brot gestärkt sofort wieder aufbrechen, um zu künden, und von Paulus, der auf einem untergehenden Schiff das Brot teilt – Eucharistie feiert.

Fazit: Von zehn Kapiteln finde ich vier wirklich gut. Vieles ist mir zu weitschweifig, von Knapps Gedichten gefallen mir nur zwei. Über einige Stellen habe ich mich richtig geärgert. Dennoch kann ich insgesamt sagen: Wer sich mit dem Eucharistieverständnis schwertut, kann hier eine Verständnishilfe finden, besonders im 5., 8., 9. und 10. Kapitel – sofern er bei den anderen Kapiteln die mißverständlichen und weitschweifigen Formulierungen großzügig überliest.

Andreas Knapp: Vom Segen der Zerbrechlichkeit. Grundworte der Eucharistie, ISBN 978-3-429-04451-0, Echter Verlag 2018

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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5 Antworten zu Vom Segen der Zerbrechlichkeit. Grundworte der Eucharistie

  1. Nepomuk schreibt:

    Ich sag’s mal so:

    Ich les‘ Deine differenzierte und letztlich doch wenigstens so halb positiv sein wollende Rezension:

    und mit den ganzen Abstrichen, die zu machen sind, Tonfälle, Details usw., worauf Du eingehst, kommt bei mir vor allem ein „Und zusammengefaßt heißt das: Finger weg, donec corrigiatur“ an.

  2. Gerd schreibt:

    „In der Kirche treten Traditionalisten auf, die die alte lateinische Liturgie schönfärben und das Gemeindeleben vergangener Zeiten als das Goldene Zeitalter ausmalen.“

    Für mich hätte dieses Zitat als Rezension schon gereicht. 😉

  3. Herr S. schreibt:

    Frau Sperlich, Sie beschreiben treffend das völlig andere Eucharistieverständnis , das hier den noch gläubigen Katholiken in dem gen. Buch vermittelt werden soll:
    „Auch das in der Eucharistie ausgeteilte Brot bekommt eine andere Qualität: Es wird Leib Christi. Das heißt: Im geteilten Brot empfange ich die Gemeinschaft der Kirche, der ich als lebendiger Teil zugehören darf.“

    Genau dieses andere uminterpretierte Eucharistieverständnis predigt in einer von mir besuchten Gemeinde ein nebenberuflicher Diakon – gottlob nur sehr sporadisch – und wird von ihm zugetanenen Kommunionhelfern auch so ausgeführt:
    Wir kommunizierenden Gläubigen sollen durch die Kommunionteilnahme bekräftigen, dass wir uns als Glieder des Leibes Christi sehen.
    Ein Kommunionhelfer führt das dann auch ganz konsequent aus, indem er die konsekrierte Hostie nicht vor einen sondern in Brust- bzw. Bauchnabelhöhe hält, den Kommunizierenden durchdringend fixiert und dabei die Frage an ihn richtet: „(Der) Leib Christi?“
    So als Bezüge diese Frage sich nicht auf das Bekenntnis zur gewandelten Hostie sondern zur persönlichen Einstellung des Kommunizierenden, ob dieser sich als Glied des Leibes Christi sieht und bekennt.
    Ich weiß mir nur so zu helfen, dass ich meinerseits die gesamte Zeit fest die Hostie ansehe und dann mein „Amen“ spreche.
    Innerlich „koche“ ich allerdings.

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