Zunächst hat das Wort mit „hören“ zu tun. Es ist die im 8. Jh. im Laufe der Christianisierung entstandene Übersetzung des lateinischen obœdire – von ob-audire, auf jemanden hören. Eine erweiterte Form von hören ist horchen – also bewußt hören. Gehorchen ist eine bewußte Entscheidung.
Oft ist Gehorsam ganz einfach praktisch. Wenn ein Bergführer sagt „Tritt da hin“ oder „Geh hier lang“, dann ist es sinnvoll, sich ohne weiteres Überlegen gehorsam danach zu richten. Es könnte sonst die letzte Bergtour sein. Der religiöse Gehorsam – um den es mir hier geht – ist auch oft praktisch in dem Sinne, daß man Regeln befolgt, auch wenn man sie noch nicht ganz verstehen kann, und irgendwann merkt, daß das sinnvoll ist. (Einfaches Beispiel: Der Sieben-Tage-Rhythmus mit einem festlichen Ruhetag zu Beginn ist sinnvoll; man merkt das besonders, wenn man eine Weile außerhalb dieser Regel durcharbeitet oder die Sonntage unstrukturiert und ohne Gedanken an Gott verfaulenzt. Daß es schon aus praktischen Erwägungen sinnvoll ist, weder zu morden noch zu stehlen noch die Ehe zu brechen, dürfte nachdenkenden Menschen klar sein.)
Christlicher Gehorsam ist zunächst auf Gott gerichtet. Ihn hören und Ihm gehorchen ist und bringt Segen. Das beinhaltet auch Gehorsam gegenüber der Kirche, die Jesus auf Petrus gegründet hat. Das bedeutet nicht, seinen Verstand abzugeben. Im Gegenteil – es bedeutet, den Verstand zu nutzen, Gehörtes „im Herzen zu bewegen„, wie die poetische biblische Formulierung das Nachdenken beschreibt.
Immer heftiger ist aus und vor der Kirche eine dieser Haltung entgegenstehende Rechthaberei wahrnehmbar. Aber mit einer solchen Attitüde trennt man sich von der Kirche, der Braut Christi. Dabei wird gehorsamen Christen gern unterstellt, ihr Gehorsam sei „blind“, sei „Kadavergehorsam“. Aber wie ich bereits sagte, hat christlicher Gehorsam etwas mit Nachdenken zu tun. Ich gehorche den Geboten der Kirche, weil ich sie als gut erkannt habe – und weil ich erkannt habe, daß im Zweifel die alte Weisheit der Kirche sehr weit über meinem bißchen Weisheit steht. Ich merke, daß Ungehorsam mir selbst am meisten schadet. (In solchen Fällen hat die Kirche das Sakrament der Beichte, das ich nur empfehlen kann.)
Wenn aber ein Priester mir sagen würde „Feiere dreimal hintereinander keine Sonntagsmesse, weil die Skandale der Kirche nicht restlos aufgeklärt sind“, wie die Gemeinde Maria Geburt in Aschaffenburg es hält, oder „Finde ab jetzt in Ordnung, wenn Menschen gegen das 6. Gebot verstoßen, aber nur, wenn sie es beide gern tun“, oder „Du sollst behaupten, es sei lieblos, allen Geboten Gottes und der Kirche zu gehorchen“ – dann würde ich seinen Anweisungen nicht gehorchen. Denn einer Anweisung, die eine Sünde beinhaltet, darf ich nicht gehorchen. (Im Falle Aschaffenburg empfehle ich, in eine andere der dortigen katholischen Gemeinden auszuweichen.)
Gibt ein Priester (oder sonst jemand, dem ich zum Gehorsam verpflichtet bin) eine Anweisung, die zwar nicht sündhaft ist, die ich aber nach reiflicher Überlegung für dumm halte, habe ich zu gehorchen. Aber ich sollte erst versuchen, ihn durch Argumente umzustimmen, und wenn das nicht gelingt, ihn sehr kurze Zeit später darauf ansprechen und möglichst ruhig darlegen, warum ich diese Anweisung für nicht besonders zielführend halte (das Wörtchen dumm kann ich aus Gründen der Diplomatie vermeiden). Nun gibt es drei Möglichkeiten: Entweder der Gesprächspartner reagiert nicht oder sehr schroff – dann kann ich ihn zu gegebener, möglichst naher Zeit noch einmal darauf ansprechen. Oder er versteht meinen Einwand, und wir erarbeiten eine bessere Lösung. Oder er erklärt mir, warum seine Sicht die vernünftigere ist – das kann ich entweder nachvollziehen (und eingestehen, daß ich mich geirrt habe) oder hinnehmen (und vielleicht später mit mehr Glück meine Argumente darlegen).
Die Bibel ist voll von Berichten und Erzählungen, wie Menschen Gott (oder von Gott Bevollmächtigten) gehorsam waren zu ihrem Segen oder ungehorsam zu ihrem Schaden.


