Der Vater war ganz plötzlich aufgebrochen, Er schien mir traurig und doch fest entschlossen. Ins Land Morija reisten wir zum Opfer, Nur er und ich, zwei Knechte und der Esel. Er war so klar und stark, wie andre Väter, Nur halb so alt, es längst schon nicht mehr waren. Er hatte mich gelehrt, den Herrn zu fürchten, Den Gott, dem unser Haus allein verpflichtet. Zwei Nächte schliefen wir auf bloßer Erde, Gehüllt in Decken, unterm Sternenhimmel. Drei Tage gingen wir in Sonnenhitze Und rasteten nur kurz und aßen hastig. Vor uns der Berg, auf dem wir opfern wollen. Und hinter uns der Weg, drei lange Tage. Drei Tage hab ich mich gefragt im Stillen, Warum wir denn kein Lamm mit uns genommen? „Ihr bleibt hier unten. Achtet auf den Esel.” Die Knechte nickten. Ich ging mit dem Vater. Ein steiler Trampelpfad führt uns nach oben Auf eine Fläche, von Gestrüpp umstanden. Nun fragte ich: „Wir haben Holz und Feuer, Und doch kein Tier. Wie sollen wir da opfern?” Mein Vater sprach, es klang ein wenig zittrig: „Gott wird das Opferlamm sich ausersehen.” Ich lud das Holz ab, und gemeinsam bauten Wir den Altar aus Steinen, die hier lagen, Das Feuerholz darauf. Mein Vater legte Den Feuerstein daneben und das Messer. Er sah mich an. „Gott hat dich ausersehen.” Und mir war klar: Gott will das Opfer haben. Er hat bei Vater Gastrecht schon genossen. Er ist der Herr. Was Er will, muss geschehen. In einem Augenblick ein Widerstreiten In mir: Ich kann den Alten überwinden, Ich brauche nur zu laufen, mag er selber Sich auf Morija Gott zum Opfer bringen! Doch Er, der mich dem Vater spät noch schenkte, Der mich der Mutter gab, der Unfruchtbaren, Von deren Lachen ich bekam den Namen – Er ist der Herr. Wenn Er will, muss ich sterben. Ich legte mich auf den Altar. Mein Vater Band mir die Hände und erhob das Messer. Er zielte auf mein Herz. Es sollte schnell gehn. Und plötzlich hielt er inne und erstarrte. Er stand wie lauschend, schnitt dann los die Fesseln Und half mir auf. „Gott will nicht dich zum Opfer. Er will Gehorsam, keine Menschenopfer! Der Herr hat mich und dich, mein Sohn, gesehen.” Ein Widder blökte, im Gestrüpp verfangen – Das Opferlamm, das Gott sich ausersehen. Ihn brachte Vater dar, und nach drei Tagen Gelangten wir vom Opferberg nach Hause. © Claudia Sperlich
Angeregt wurde ich hierzu von einem Gemälde des russischen Künstlers Slava Groshev.



Das ist kunstvoll ausgedacht
aus des Knaben Sicht,
Bibel schweigt dazu.
Dass ein Kind sich Sorgen macht,
wie es denkt und spricht,
bleibt in ihr tabu.
Ausnahme: der zwölfjährige Jesus im Tempel und danach. (Später, als Erwachsener, harsch zur Mutter bei Wasser in Wein: „Was geht’s dich an, Frau, …“)
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Mir geht es oft um die Stellen, wo die Bibel sich ausschweigt. Besonders denke ich aber: man kann schon zwischen den Zeilen lesen. Isaak war irgendwo zwischen „alt genug, um drei Tage lang zu marschieren“ und etwas unter 40 (das war das Alter, in dem er endlich die Rebekka heiratete). Jedenfalls alt genug, um im Notfall wegzulaufen. Und damit ist eigentlich sein inneres Einverständnis – vielleicht nach Widerstreit – eindeutig. Auch er war gehorsam.
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Guten Tag, Frau Sperlich,
dass ein Vater sein Kind Gott oder Göttern opfert, ist alter biblischer und außerbiblischer Sagenstoff im Mittelmeerraum (Jephta; Moabiterkönig in 2Kön3,27; Iphigenie; Idomeneus). Aus unserer Zeit stammt ein dramatisches, weltliches Poem zu diesem Thema des schottischen Dichters und Erzählers Robert Louis Stevenson, vgl. hier: http://www.hjcaspar.de/hpxp/honigw.htm.
Viele Grüße
Hans-Jürgen Caspar
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