Angst

Werte Hundebesitzer, dieser Artikel gilt besonders Euch. Ich weiß, daß Ihr Eure Lieblinge gut erzogen habt, daß die nur spielen wollen und daß sie noch nie, nie, nie jemanden gebissen haben und total lieb sind. Ich kenne sogar einige von Euch, bei denen das nachweislich genau so stimmt. Aber das ist für den Inhalt dieses Artikels Wurst.

Heute, auf dem Fahrrad, auf dem Heimweg, sah ich ein kleines Mädchen – vielleicht neun oder zehn Jahre alt – unschlüssig-langsam auf dem Bürgersteig gehen und weinen. Ich gehöre zu den Leuten, die weinende Kinder ohne dazugehörige Erwachsene in der Nähe fragen, was los ist. Hielt also an, stieg ab und fragte: „Was ist los?“ Das Mädchen deutete nach vorne, etwa fünf Meter weiter. „Der Hund ist vorhin auf mich zugerannt, und ich habe solche Angst vor Hunden.“ Sie weinte wieder heftig. Ich sagte, daß ich auch Angst vor Hunden habe und sie gut verstehe. Das stimmt, allerdings fängt meine Angst erst bei Hunden an, die mir bis zum Knie reichen.

Dieser Hund war von einem Format, das ich übersehen hätte. Ein Taschenkläffer. Der dazugehörige Mann hatte etwa mein sehr beträchtliches Format, nur mehr bauchlastig verteilt. Eine Hundleine war zwischen den beiden nicht erkennbar. Der Hund rannte nun wieder schrill kläffend auf das Mädchen zu.

Das Mädchen schrie panisch auf. Ich legte einen Arm um sie und schob mit dem anderen das Fahrrad zwischen den Kläffer und uns. Der Mann tat nichts, sagte nichts und verzog keine Miene. Der Kläffer rannte um das Fahrrad herum, ich ließ das Mädchen los und sorgte dafür, daß mein Fahrrad immer zwischen uns und dem Hund stand. (Leute, ich bin eine fette, unsportliche 59Jährige! Stellt es euch einfach vor.)

Endlich kam der Mann nah genug, daß ich annehmen konnte, er wolle sich kümmern. Ich rief ihm zu: „Nehmen Sie Ihren Hund da weg, Sie sehen doch, daß das Kind Angst hat!“ Er sagte leise irgendetwas zu dem Hund, der ging bei Fuß und beide verschwanden in einem Haus. Er schloss die Tür. Etwas auch nur Ähnliches wie eine Bitte um Entschuldigung oder ein freundlicher Blick blieb aus.

Das Mädchen war immer noch schreckensstarr und weinte. „Dir kann nichts passieren“, sagte ich. „Die sind weg.“ Sie schniefte. „Ich hab solche Angst vor Hunden“, sagte sie noch einmal. „Ich bin mal Fahrrad gefahren, und da hat ein Hund mich umgerannt.“ Ich versicherte ihr nochmals, daß ich das verstehe. Dann sagte ich (etwas tantenhaft, aber ich bin ja auch Tante): „Nu geh nach Hause und trink ein Glas Wasser.“ Fügte noch hinzu: „Das mein ich Ernst, wenn man Angst hat, schwitzt man ja, und dann braucht man Wasser.“ Sie nickte ernst. „Dankeschön“, sagte sie. „Und schönen Sonntag!“

Liebe Hundehalter, auch wenn Ihr selbstverständlich besser erzogen seid als besagter Herr mit Hund, und Eure Hunde dadurch natürlich auch ganz vorbildlich sind:

Erstens gilt in Berlin seit dem 1. Januar 2016 Leinenpflicht für Hunde (leider nicht für unbotmäßige Halter). Zweitens ist Angst ein ganz und gar ernstzunehmender, sehr schrecklicher Seelenzustand. Drittens ist eine Phobie bei einem Kind noch ein paarmal so schlimm. Und viertens kann ich nicht dafür garantieren, daß ich bei dem nächsten derartigen Ereignis so überaus zivilisiert bleibe. Für heute bin ich dankbar, daß das Mädchen von mir keine schlimmen Ausdrücke gelernt hat und nicht Zeugin einer Prügelei wurde.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Angst

  1. Herr S. schreibt:

    Sehr schön, Claudia Sperlich, dass Sie dem Kleinen Mädchen in dieser brenzlichen Situation so gut beigestanden haben.

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