Organisierte Nachbarschaftshilfe

Das Portal nebenan.de hilft überall in Deutschland – in Ost und West -, wenn man in der näheren Umgebung Hilfe sucht oder anbietet – Keller aufräumen, Akkuschrauber leihen, Tiere versorgen, alles Mögliche verschenken oder verkaufen, einen Tip bekommen für gutes Handwerk oder was auch immer. Darüber hinaus kann man hier auch Treffen aller Art finden (Strickclub und Skatrunde, Vorträge und Führungen usw.).

Bei der Anmeldung gibt man seine Postleitzahl an und wird dann mit Teilnehmern in der Nähe vernetzt. Über einen Filter kann man auch herausfinden, welche Teilnehmer in der selben Straße wohnen wie man selbst.

In meinem Keller standen Regalbretter und Teile eines alten Bettes herum sowie ein kleiner Schreibtisch. Da traf sich gut, daß ein Tischler ständig dergleichen sucht – zum Aufarbeiten, Umarbeiten, Neues aus Altem schaffen – und wenn das alles nicht geht auch zum Verheizen. Nun ist mein Keller wieder betretbar, ohne daß ich einen Finger gerührt hätte, um das Zeug nach oben zu schleppen, und besagter Tischler hat seine helle Freude daran. Auf Denglisch nennt man das eine „Win-Win-Situation“. Auch eine Säge und ein Zollstock finden demnächst ein neues Heim – da ich nicht mehr einsehen wollte, zwei Zollstöcke und zwei Fuchsschwanzsägen aufzubewahren. Auch einige Kleidungsstücke bin ich losgeworden. Und ich kenne jetzt einen Handwerker in der Nähe – unschätzbar!

Das Portal hilft zum im besten Sinne nachbarschaftlichen Leben.

Im Kleinen bin ich den Menschen dankbar, die die Idee zu nebenan.de hatten und ausführten. Im Großen bin ich jenen dankbar, durch deren Mut Deutschland nicht mehr aus zwei einander beargwöhnenden, durch eine Mauer getrennten Nachbarn besteht, sondern jeden unbehelligt in das einstige „Drüben“ fahren lässt. (Als junge Frau stellte ich amüsiert fest, daß „Drüben“ nicht nur der Wessi-Ausdruck für die DDR war, sondern auch der Ossi-Ausdruck für die BRD – von Linientreuen beider Seiten mit einer Mischung aus Abfälligkeit und Mitleid ausgesprochen.)

Wenn wir es schaffen, im eigenen Kiez aufs Freundlichste mit Menschen zu kommunizieren, deren Lebensstil man vielleicht nicht teilt, einander zu helfen über alle Verschiedenheit hinweg, dann sollte es doch zwischen Ost und West auch klappen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Organisierte Nachbarschaftshilfe

  1. akinom schreibt:

    Auch wir sind nicht Teil einer Wegwerfgesellschaft und geben uns Mühe, nicht mehr benötigte Sachen sinnvoll weiter zu geben. Zum Erntedankfest kann man in unserer Gemeinde haltbare Lebensmittel spenden.

    Mauerfall und „Tag der Deutschen Einheit“ sind für mich „erlebte Geschichte“, die wir der friedlichen Revolution der Bevölkerung, mehr noch Gorbatschow, Solidarnocz und Papst Johannes Paul II. Zu verdanken haben.

    Sogen macht mir, dass wir immer mehr auf eine Einheitspartei zusteuern, zum Beispiel durch die „Oberhoheit des Staates über die Kinderbetten“. Norbert Blühm formulierte das in seiner Laudatio zur Verleihung des „Ordens wider den tierischen Ernst“ prophetisch so: „Der Tischler setzt den Hobel an und hobelt alles gleich!“

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Ich habe schon vor über zwanzig Jahren festgestellt, daß die Parteien sich immer weniger unterscheiden. In meiner Kindheit konnte man SPD und CDU noch unterscheiden, und zwar auf den ersten Blick. Das war vor zwanzig Jahren schon nicht mehr der Fall, und inzwischen kann man den Unterschied nur noch schwach erahnen.

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