„Ach, sind Sie Feministin?“

Ich stehe vor einem Briefkasten, im Begriff, zwei Briefe einzustecken.
Eine junge Frau spricht mich an, es sei ja nett von mir, daß ich für sie extra anhalte. Ich denke eine Sekunde lang: Charmante Art, mich anzuschnorren – sehe dann genauer hin: nein, diese sehr gepflegte Dame schnorrt gewiss nicht. Ein kleines Schild zeigt, wofür sie hier steht: amnesty international.

Ich sage: „Nein, für Amnesty International habe ich nichts übrig.
Auf ihr ungläubiges Lächeln führe ich aus: Die haben früher hervorragende Dinge geleistet, jetzt setzen sie sich für ein Recht auf Abtreibung ein, das unterstütze ich nicht.“

Sie trägt ein kleines Kreuz um den Hals. Das fällt mir auf, als sie etwas leiser sagt: „Das finde ich auch nicht gut.“ Ich bin nun gerade in Fahrt und rede weiter: „Das hat auch gar nichts mit Frauenrechten zu tun. Fünfzig Prozent der Abtreibungen betreffen Mädchen.“

Sie sieht ehrlich erstaunt aus. „Wie bitte?“

Ich: „Wir sind uns ja wohl einig darüber, daß die Hälfte der Menschheit weiblich ist?“

Sie: „Ach so. Ich dachte, Sie meinen jetzt die Abtreibungen.“

Ich: „Meine ich auch. Die Hälfte aller Abgetriebenen ist nämlich auch weiblich.“

Und jetzt kommt der Satz…: „Ach, sind Sie Feministin?“

Ich: „Nö. Ich habe bloß Grundkenntnisse in Biologie.“

Sie: „Ich habe Biologie studiert.“

Ich: „Merkt man aber nicht.“

Ich bin dann ohne weitere Diskussion weitergefahren. Erstens weil ich von der Arbeit kam und Hunger hatte, zweitens weil ich keine Lust mehr hatte, zu diskutieren, ob ein Mensch vor der Geburt schon erhaltenswert ist.

Aber ein bißchen ärgert mich schon, daß ich der jungen Biologin nicht noch gesagt habe: „Übrigens spart jede Abtreibung Alimente, was für den Erzeuger sehr praktisch ist.“ Na, vielleicht nächstes Mal.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu „Ach, sind Sie Feministin?“

  1. Wolfram schreibt:

    Weltweit gesehen würde ich bezweifeln, daß die 50% weibliche Abtreibungen zutreffen.
    Es sind m.E. deutlich mehr. In einigen Ländern herrscht darum schon Frauenmangel.

  2. Gerd schreibt:

    Die junge Frau hatte das Glück jemanden wie Sie zu treffen. Sie haben den Samen gesät, was draus wird…..

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