Wie ich ein Bett verschenkte

Das alte Bett war in aller Schlichtheit noch gut, aber der neue rückenfreundliche Federholzrahmen passte nicht hinein. Deshalb musste ein neues her.

Nun werfe ich heile Dinge nicht gerne weg. Ich versuchte, das Bett an Sozialkaufhäuser und andere soziale Projekte loszuwerden. Das ging nicht, denn überall sind die Lager voll. Sie nähmen es gerne, können es aber nicht unterstellen. Also inserierte ich auf einer Verschenke-Seite auf Facebook:

Bettgestell 90 x 200 cm, 30 cm hoch.
Gebraucht, sauber, heile.
Gern mit Ökoflex Federholzrahmen, der ist aber defekt – zwei Latten rutschen immer wieder aus. Vielleicht was für Bastler.

Abzuholen im 1. Stock; ich kann tragen helfen.

Nichts geschah.

Nun inserierte ich bei den ebay-Kleinanzeigen. Sehr bald bekam ich Antwort von einer Frau A. Wir machten die Abholung für den folgenden Tag aus. Ich gab meine Anschrift und den Hinweis, man möge mit Mundschutz erscheinen. Und am folgenden Tag bekam ich die Nachricht: Tut mir leid, mein Mann hat sich umentschieden. Danke für deine Geduld. A.

Bald hatten sich mehrere Interessenten gemeldet, darunter auch zwei, die das Bett gegen eine Gebühr abholen wollten. Eine Frau B. hatte ich zunächst um Geduld gebeten, falls das Bett nicht geholt würde; sie informierte ich nun, das Bett sei noch zu haben – und bekam die Antwort, sie habe sich ein anderes gekauft.

Kurz darauf fragte ein Herr C., ob der Artikel noch zu haben sei. Ich bejahte und sagte, er könne das Bett Dienstag, Donnerstag oder Samstag abholen. Wir einigten uns auf Dienstag. Ich gab meine Anschrift und den Hinweis, man möge mit Mundschutz erscheinen. Am Dienstag bekam ich eine neue Nachricht, er könne doch erst Donnerstag. Am Donnerstag schrieb er, es tue ihm Leid, heute gehe es gar nicht, ob er doch am Samstag kommen könne.

Ich antwortete leicht genervt: Ja, das sei in Ordnung, bitte zwischen 12.00 und 16.00 Uhr. Statt einer Antwort bekam ich eine weitere Anfrage, diesmal von Frau D. in der Verschenke-Gruppe, sie sei an dem Bett interessiert und ich möge ihr den Preis nennen. Ich antwortete ihr, man sei hier in einer Verschenke-Gruppe, das Bett koste nichts, sie müsse es nur selbst abholen. Darauf antwortete sie nicht mehr.

Am folgenden Tag löschte ich mein Inserat in der Verschenke-Gruppe und sagte Herrn E., das Bett sei noch zu haben, er könne es am Samstag holen. Ich gab meine Anschrift und den Hinweis, man möge mit Mundschutz erscheinen. Er bat um meine Telephonnummer, damit er mich anrufen könne, bevor er komme.

Kurz darauf meldete sich Herr C. doch wieder, er wolle am Samstag um 15.00 Uhr kommen. Ich schrieb Herrn E., es tue mir sehr leid, das Bett gehe nun doch an den vorigen Bewerber. Anschließend fragte ich Herrn C.: Kann ich mich denn darauf verlassen, daß Sie das Bett holen? – und bekam zur Antwort ein lapidares: Nein. Ich fragte noch einmal nach: Wie jetzt – wollen Sie das Bett nun haben oder nicht? Die Antwort: Besser sie geben es einem anderen.

Also sandte ich eine Berichtigung meiner Absage an Herrn E., das Bett sei doch noch zu haben. Ich bekam keine Antwort. Stattdessen fragte am späteren Vormittag ein Herr F., ob er zwischen 13.30 und 14.30 kommen könne. Ich bejahte, und er schob nach, daß er zwischen 14.30 und 15.00 Uhr komme. Nun bekam auch er meine Anschrift sowie den Hinweis, er möge bitte nicht später kommen. Hiernach fragte er, ob ich das Bettgestell abbauen konnte, blieb aber trotz meinem Nein bei seinem Entschluss, es abzuholen. E. bekam einen kurzen genervten Hinweis, es gebe nun einen weiteren Interessenten.

Und dann klingelte das Telephon, und E. stand schon vor der Tür. Er kam mit einem Freund, beides sehr nette und höfliche junge Männer, sie fanden den Schaden an dem Federholzrahmen überhaupt kein Problem, das könnten sie leicht reparieren… und dann waren sie sehr schnell und fröhlich und ohne irgendwo anzustoßen mit Bettrahmen und Federholzrahmen weg. Mir blieb noch übrig, den anderen Interessenten um Entschuldigung zu bitten… und bekam die entzückend-charmant-ironische Antwort: Ich werde einer so schönen Frau immer vergeben. Ich wünsche dir einen schönen Tag.

Fazit: Verschenken kann sehr nervenaufreibend sein! Und ich dachte wirklich schon, am Ende kommt das gute Stück doch zur Müllabfuhr. Aber froh bin ich, daß es nun doch in gute Hände gekommen ist. Froh bin ich auch, daß meine Genervtheit über dies „viel zu verwöhnte viel zu reiche Land“ doch nicht ganz so berechtigt war. Daß Menschen sich über ein simples, gebrauchtes, reparaturbedürftiges Möbel wirklich freuen. Und daß in meiner Wohnung kein überflüssiges Bett mehr herumsteht.

Pfingsten kann kommen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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