Zur Johannisnacht

… ein Gedicht, das mir vor einigen Jahren zu einem der schönsten Jugendbücher einfiel, „Wunderbare Fahrten und Abenteuer der kleinen Dott“ von Tamara Ramsay. Die Autorin hatte übrigens einen bemerkenswerten Lebenslauf und konvertierte als Enkelin eines orthodoxen Priesters 1932 zum katholischen Glauben. Das Buch über die kleine Dott ist vielschichtig: die märchenhafte Geschichte über eine Verzauberung und die Begegnung mit zahlreichen Sagengestalten; Zeitreisemotive, die zugleich eine Art mythisch überhöhter Geschichtsunterricht sind; die nicht ganz einfache Freundschaft mit den Tieren. Ich habe das Buch als Jugendliche mehrmals verschlungen und kann bis heute einige Stellen auswendig.

Die anderen, heute ganz unbekannten Werke von Tamara Ramsay werde ich mir wohl auch noch beschaffen.

Dorothea

Da der Rainfarn am Johannisfeuer
erste Samen wirft und deren einer
ihr in ihren Schuh geriet – ach tanzen
wollte sie in ihren neuen Schuhen -,
brachte sie ihn nicht vom Fuße mehr.

Unsichtbar ist allen andern Menschen,
wem der Farrensamen bannt den Schuh!

Tiere aber und auch Geister können
sehn das Mädchen – das versteht sie wohl,
hört der Reiher und der Eulen Stimme,
sieht der fernsten Vorzeit Abenteuer,
spricht mit Kobold und mit Wassergeist.

Aber lange, lange muß sie wandern,
ist ein Schrecken allen andern Menschen,
findet Freunde nur in wilden Tieren,
die den Menschen fürchten sonst und hassen –
und in Geistern, die der Mensch sonst fürchtet.

Endlich aber gibt die durchgelaufne
Sohle wieder jenen Samen frei.

Tier ist wieder Tier mit fremder Sprache,
Geist ist wieder unsichtbar, befremdend –
aber Menschen, die lebendgen Menschen
sind ihr endlich wieder nahe – keiner
muß vor körperloser Stimme beben,
sichtbar ist sie und darf hörbar sein.

© Claudia Sperlich

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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