„Sie sind total unfrei!“

Irgendwie war man an der Kasse ins Gespräch gekommen und setzte das am Fahrradständer fort. Und plötzlich schlug es um. Denn unvermittelt sprach die Frau: „Ich möchte auch kein Kopftuch in der Öffentlichkeit sehen.“
Ich (mit Helm, aber ohne Kopftuch): Warum nicht?
Sie: Ich will dem nicht ausgesetzt sein. Das ist ein Zeichen der Unterdrückung.
Ich: Meine Patentante ist Nonne. Die trägt immer einen Schleier.
Sie: In ihrem Kloster kann sie ja machen, was sie will! Aber ich wünsche nicht, damit auf der Straße konfrontiert zu werden!
Ich: Sie trug es, solange sie arbeitete, auch bei der Krankenpflege und später beim Unterricht.
Sie: Das ist ein Zeichen der Unterdrückung! Und ich will das nicht!
Ich: Sie will das aber. Es ist ihre Entscheidung.
Sie: Ich will auch kein Kreuz im öffentlichen Raum.
Ich: Auch nicht, wenn Sie mal ins Krankenhaus müssen und das Gertrauden-Krankenhaus ist zufällig das nächste?
Sie: Das ist ein öffentlicher Raum, und die haben kein Kreuz aufzuhängen! Können sie ja zu Hause machen, so viel sie wollen!
Ich: Nur um bei dem Beispiel zu bleiben. Wenn Sie jetzt hier vor Zorn eine Herzattacke bekommen, werden Sie mit ziemlicher Sicherheit ins Gertrauden-Krankenhaus gefahren, da das das nächste Krankenhaus ist. Übrigens ein gutes, ich kanns empfehlen. Und ein katholisches, das heißt: Mit Kreuz an der Wand.
Sie: Dann würde ich da nicht hinwollen!
Ich: Also, wenn Sie aus der Bewußtlosigkeit erwachen und als erstes ein Kreuz an der Wand sehen, bestehen Sie darauf, die Behandlung abzubrechen?
Sie: Jetzt lenken Sie nicht ab! Sie sind ja fanatisch!
Ich: Oh, in der Tat.
Sie: Und dann will ich auch keine Kopftücher in der Öffentlichkeit. Absolut keine!
Ich: Wäre eine Kippa vielleicht in Ordnung?
Sie: Nein, auf keinen Fall!
Ich: OK. Darf der Mann, der keine Kippa tragen darf, wenigstens Schläfenlocken haben?
Sie: Was hat denn das damit zu tun?
Ich: Levitikus 19,27 – Ihr sollt euer Kopfhaar nicht rundum abschneiden. Das ist die Begründung. Dürfen Juden Ihrer Ansicht nach immer noch Schläfenlocken haben?
Sie: Also wenn das was Biblisches ist, natürlich nicht.
Ich: Also wenn es zum Judentum gehört, dürfen sie nicht, wenn es aber Mode wird, dürfen sie Schläfenlocken haben?
Sie: Jetzt werden Sie aber komisch.
Ich: Ich frage ja nur. Anderes Beispiel: Darf ich einen Film mit Audrey Hepburn öffentlich zeigen? In einigen trägt sie ein Kopftuch.
Sie: Also das ist jetzt ja was völlig Anderes!
Ich: Andere Frage: Darf man ein Kopftuch tragen, um sich vor der Kälte zu schützen?
Sie: Man kann ja eine Mütze nehmen.
Ich: Und wenn man Mützen blöd findet, Kopftücher aber schick – so wie Audrey Hepburn?
Sie: Sie immer mit der Hepburn! Kopftücher sind ein Zeichen der Unterdrückung!
Ich: Oder der Mode, oder der Jahreszeit. Darf eine Köchin ein Kopftuch tragen? Oder eine Bäuerin? Die eine, damit kein Haar in die Suppe fällt, die andere, um ihr Haar vor Staub und Dreck zu schützen?
Sie: Das sind doch Ausnahmen. Arbeitskleidung ist natürlich was anderes.
Ich: Bei meiner Patentante ist die Nonnentracht die Arbeitskleidung.
Sie: Nein, das stimmt nicht – das ist Religion.
Ich: Na dann kann es doch auch kein Problem sein. Wir haben doch Religionsfreiheit.
Sie: Ich bin Christin. Aber Religion gehört ja wohl in den Privatbereich! Und ich will nicht mit einer Burka konfrontiert werden, wenn ich in einer Behörde mit jemandem spreche.
Ich: Eine Burka, also ein Kleidungsstück, das nur einen Schlitz für die Augen freilässt, ist in der Tat nicht in Ordnung, wenn man mit Menschen zu reden hat. Aber…
Sie: Ach, da sind Sie auf einmal dagegen? Sie machen Unterschiede!
Ich: Ja, ich mache einen Unterschied, ob man das Gesicht eines Menschen sehen kann oder nicht.
Sie: Dann sind Sie doch ungerecht! Kopftuch hat überhaupt nie etwas in der Öffentlichkeit zu suchen! In Ihren vier Wänden können Sie sich ja anziehen, wie Sie wollen!
Ich: Ich möchte aber auch außerhalb meiner vier Wände nicht, daß man mir vorschreibt, welche Kopfbedeckung legal ist und welche nicht.
Sie: Sie sind ja total unfrei.

***

Das ist kein ausgedachter Dialog. Ich habe ihn nur um wenige Argumente erweitert, aber im Wesentlichen fand er heute so statt. Wenn ich ein Kopftuch tragen will – weil es kalt ist, weil es schick ist, weil ich gerade Lust dazu habe, weil ich (hoffentlich nicht) eine Chemotherapie brauche, weil ich mein Haar schützen will oder warum auch immer – dann werde ich ein Kopftuch tragen, und kein Mensch hat mir das zu verbieten.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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13 Antworten zu „Sie sind total unfrei!“

  1. Nepomuk schreibt:

    Bezeichnend.

  2. gerd schreibt:

    Die Dame ist offensichtlich verwirrt, sie wirft einige Sachen in einen Topf die da nicht hinein gehören. Ein Kopftuch ist sicherlich nichts verwerfliches. Meine Mutter trug immer eins, wenn sie die große Wäsche machte. Aber darum ging es in diesem Gespräch sicherlich nicht. Oder liege ich da falsch?

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Nun, sie wollte keine Kopftücher im öffentlichen Raum. Keine „Burkas“ (worunter sie offenbar alle Formen von Kopftüchern bei Muslimas meinte), keine Nonnenschleier, überhaupt keine irgendwie religiösen Kopfbedeckungen, keine Kreuze in öffentlichen Räumen (o ja, das kam auch)… und dies alles um der Freiheit willen. Daß sie damit die Freiheit sehr vieler anderer Menschen beschneidet, ist ihr nicht klar. Daß es einen Unterschied zwischen Burka (alles bis auf einen Sehschlitz verhüllt) und anderen Kopftüchern in der islamischen Welt gibt – also einen Unterschied zwischen „Ich sehe meinem Gegenüber ins Gesicht“ und „Ich vermute, die Augen, die ich hinter dem Stoffgitter sehe, gehören einer Frau“ – war ihr offensichtlich unklar (und vieles andere auch).

  3. akinom schreibt:

    Die Frau am Fahrradständer hat offenbar einen Kommentar zum letzten Blogbeitrag abgelegt: Sie ist de Meinung, dass „die Abschaffung aller Religionen zum Frieden führen“ wird.

    Aber ich muss zugeben, dass ich selber auch Probleme habe mir muslimischen Kopftüchern habe. In Zeiten der Gastarbeiter gab es sie so gut wie überhaupt nicht. Verpflichtete damals der Islam Frauen nicht dazu?

    Heute sind Kopftücher m.E. sichtbare Zeichen von Parallelgesellschaften, besonders in großstädtischen No-go-Areas in denen der Beweis dafür erbracht wird, dass sich Mehrheiten nicht in Minderheiten integrieren lassen. Eine andere Frage: Düren christliche Frauen sich in islamischen Ländern ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit erscheinen? –

    Etwas ganz anderes ist natürlich die Ordenstracht von Männern und Frauen: Ein christliches Zeugnis, das nicht verloren gehen darf!

    • gerd schreibt:

      Wenn jemand ein Kopftuch tragen will, weil es kalt ist oder gerade schick, ist das vollkommen normal und es würde sich kein Mensch darüber aufregen, wenn wir NICHT das Kopftuch als Symbol der Unterdrückung und Gängelung der Frauen im Islam kennen würden. Das allerdings kann und darf im öffentlichen Raum keine Toleranz finden. Es kann mir niemand den Bären aufbinden, dass es sinnvoll ist, sich bei 35 Grad im Schatten mit einer Kopfbedeckung das Hirn braten zu lassen oder hinter einem Duschvorhang durch einen Sehschlitz noch etwas vom Sonnenlicht zu ergattern. Das geschieht aus anderen Gründen über die man sicher keine Spekulationen anstellen muss.

  4. Claudia Sperlich schreibt:

    Liebe Kommentatoren, bitte lest diesen Artikel noch einmal, denkt extrem scharf nach und nehmt auch zur Kenntnis, was ich über die Burka gesagt habe. Überlegt, wann Ihr zuletzt eine Burka gesehen hat (Fernsehen gilt nicht). Und dann präsentiert mir bitte eine nach deutschem Recht durchsetzbare Verordnung, die das muslimische Kopftuch (sofern Gesicht frei lassend) verbietet, aber die Nonnentracht und das Kopftuch aus modischen Gründen oder als Schutz vor Kälte etc. erlaubt. Viel Vergnügen damit.

    Ganz ehrlich, von dem Tag an, an dem das Kopftuch verboten wird, egal aus welchen Gründen, wird mich niemand mehr ohne Kopftuch sehen.

  5. Claudia Sperlich schreibt:

    Toleranz heißt übrigens: Dinge hinnehmen, mit denen man Probleme hat.

  6. gerd schreibt:

    Mein Kommentar bezieht sich auf Kleiderordnungen im Islam, den ich im übrigen toleriere. Ich habe noch keine verkopftuchten Person, den Schal vom Haupt gerissen. Wenn die Dame von einem Zeichen der Unterdrückung spricht (und damit den Islam meint) hat sie schlichtweg recht. Dann mit dem Schleier der Nonnen zu kontern ist in gewissen Kreisen ein muslimisches Argument und entschuldigen sie meine Deutlichkeit, Äpfel und Birnen.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Damit ist bewiesen, daß Sie den Artikel nicht gelesen haben.
      Die Frau sagte überdeutlich, daß sie gegen jede Form religiöser Tracht ist, auch gegen Nonnentracht. Sie sagte es mehrfach.
      Nebenbei ist es eine Sache, das muslimische Kopftuch als Zeichen von Unterdrückung anzusehen – eine völlig andere, es zu verbieten.

      • gerd schreibt:

        Das Gespräch beginnt, so wie sie es schildern, mit der Feststellung der Dame, dass sie ein Kopftuch als Zeichen der Unterdrückung empfindet. Dann kontern sie mit dem Schleier der Nonne. Denkbar schlechte Voraussetzungen für einen sinnvollen Dialog. Damit ist bewiesen, dass ich den Artikel sehr wohl gelesen habe. Alles was in der Folge dieses Gesprächs entsteht ist das, was ich in meinem ersten Kommentar angemerkt habe; die Dame wirft Dinge in den Topf die da nicht hinein gehören. Im übrigen ist das Kopftuch in der islamischen Welt keine „religiöse Tracht“, sondern ein Machtinstrument der muselmanischen Männerwelt. Im Iran wurde eine Frau zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil sie das Kopftuch in der Öffentlichkeit abgenommen hatte. Google kann weiter helfen. Zur Toleranz: Sie schreiben: „Dinge hinnehmen, mit denen man Probleme hat.“ Kurz vorher stellen sie fest: „Ganz ehrlich, von dem Tag an, an dem das Kopftuch verboten wird, egal aus welchen Gründen, wird mich niemand mehr ohne Kopftuch sehen.“ Sie würden also ein Kopftuchverbot, was es für Richterinnen und Lehrerinnen durchaus schon gibt, nicht tolerieren? Egal aus welchen Gründen?

        • Claudia Sperlich schreibt:

          Haben Sie wahrgenommen, daß die Gesprächspartnerin gegen Kreuze im öffentlichen Raum und gegen Nonnenschleier ist? Es geht aus dem Artikel hervor. HABEN SIE ES WAHRGENOMMEN? Wenn ja: Warum ihre wahrlich uninspirierte Antwort? Wenn nein: Lesen Sie, bevor Sie kommentieren. Ich habe jetzt keine Lust mehr zu diesem Hickhack. Denn in der Tat hat meine Toleranz, wie jede Toleranz, Grenzen. Sagen Sie was Vernünftiges oder schweigen Sie.

        • Claudia Sperlich schreibt:

          Nachtrag: Die Frau sprach von „Kopftuch“. Nicht von „Burka“, nicht von „islamisches Kopftuch“. Daher meine Nachfrage mit dem Nonnenschleier – den sie, wie aus dem Obengesagten deutlich hervorgeht, nicht in der Öffentlichkeit haben will, ebensowenig wie das Kreuz.

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