Gerechtigkeit und Gleichberechtigung

Seit längerer Zeit kursiert ein Bild auf Facebook, daß den Unterschied zwischen Gleichberechtigung und Gerechtigkeit zu erklären vorgibt.

Nebeneinander sieht man das gleiche Bild mit einem wesentlichen Unterschied. Auf dem ersten, mit „Gleichberechtigung“ betitelten Bild stehen drei verschieden große Kinder hinter einem Lattenzaun und wollen rübergucken, um ein Fußballspiel zu sehen. Jedes Kind auf einer Kiste; die beiden größeren können über den Zaun gucken, das kleinste nicht. Das zweite Bild, „Gerechtigkeit“ betitelt, zeigt das größte Kind ohne Kiste, das zweite auf einer und das kleinste auf zwei Kisten, so daß alle drei knapp über den Zaun gucken können. Zur Erklärung steht unter den Bildern:
1. Gleichberechtigung: Menschen die gleichen Dinge geben
2. Gerechtigkeit: Fairness in jeder Situation

Aussage dieses Doppelbildes ist: Gleichberechtigung ist schlecht, Gerechtigkeit ist gut. Gleichberechtigung ist das Gegenteil von Gerechtigkeit. Und das ist Unfug!

Jeder Mensch hat das Recht auf ausreichend Essen.
Dies Recht wird nicht durchgesetzt, indem man jedem Menschen, vom Säugling bis zum Greis, vom Athleten bis zum Schreibtischarbeiter, genau das gleiche Essen in genau der gleichen Menge gibt, sondern indem man jedem Menschen das Essen gibt, das seinen Bedürfnissen entspricht.
Das ist übrigens auch gerecht. (Daß dies übrigens nicht geschieht, ist ungerecht – merkt der geneigte Leser aber schon selbst, oder?)

Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Das bedeutet nicht, daß Frauen Pissoirs haben müssen, weil Männer die auch haben. Es bedeutet auch nicht, daß Männer Anspruch auf eine regelmäßige Untersuchung auf Brustkrebs haben müssen. Sondern es bedeutet unter anderem, daß Männer wie Frauen gleichermaßen Zugang zu adäquaten Sanitäranlagen und Recht auf regelmäßige adäquate medizinische Untersuchungen haben.
Das ist übrigens auch gerecht. (Zusatz wie oben.)

Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung.
Wenn nun der eine sich für Musik interessiert, der andere für Landwirtschaft, dann ist es eben kein Akt der Gleichberechtigung, beiden ein Musikstudium zu ermöglichen oder beiden eine Ausbildung zum Landwirt, sondern dem einen dies und dem anderen jene. Denn Gleichberechtigung bedeutet: Sie haben das gleiche Recht auf eine ihrer Neigung und ihrem Können entsprechende Ausbildung.

Gleichberechtigung bezieht sich immer auf ein Ziel (Fußball gucken, sich bilden, seine eigenen Fähigkeiten fördern etc.) Hier wird so getan, als sei Gleichberechtigung darin erfüllt, daß jeder unabhängig von seinen Bedürfnissen genau das gleiche Stück Weg bekommt.

Gleichberechtigung in einem griffigen Bildchen als etwas der Gerechtigkeit Entgegengesetztes zu bezeichnen, ist nicht einfach dumm. Es ist sogar ziemlich gerissen. Man kann so in einprägsamer, witzig erscheinender Weise Menschen dahin bringen zu glauben, daß Gleichberechtigung schlecht ist. Wenn dieser Gedanke sich erst einmal etabliert hat, wird am Ende im Namen der Gerechtigkeit das Recht gebrochen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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Eine Antwort zu Gerechtigkeit und Gleichberechtigung

  1. akinom schreibt:

    „Bewahre uns vor Verwirrung und Sünde!“ Der große Verwirrer kennt und nutzt alle Tricks und bedient sich gerne der Medien und der Gesetzgeber. Wie wäre es mit einem Recht auf gleiche Intelligenz oder einem Recht auf ein Kind, möglich gemacht durch Leihmutterschaft und Reagenzglas?

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