Ave Maria – Devotionalien in Berlin

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Ave Maria heißt nicht nur eines der bekanntesten Gebete, sondern auch ein viel zu unbekannter Devotionalienladen in Berlin-Tiergarten.

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Man wird in Berlin vermutlich selbst unter Katholiken wenig Menschen treffen, die überhaupt etwas mit dem Wort „Devotionalien“ anfangen können. Umso froher bin ich, daß die Autorin Bettina Klix mich auf dies Geschäft aufmerksam machte. In ihrem kürzlich erschienenen und sehr lesenswerten Buch „Berliner Suchbilder“ hat sie dem Laden ein anrührendes Denkmal gesetzt:

Devotionalien, Berlin-Schöneberg

Als ich das erste Mal das Geschäft besuche, braucht ein verzweifelt aussehender Mann im Arbeitsoverall sofort! eine neue Krippe. Denn diejenige, die sein Betrieb immer zum ersten Advent ins Schaufenster stellt, ging heute zu Bruch. „Ich sag’ noch zu den Lehrlingen: Seid bloß vorsichtig! Und dann fällt mir der Karton aus der Hand. Dem Josef ist der Arm abgebrochen und dem Jesuskind Arme und Kopf.“ Schnell hat er sich eine Krippe aus dem Schaufenster ausgesucht, ein Stall wird für noch ihn angefertigt werden. Der Kunde ist glücklich. Er hatte den Laden bisher nur von außen gesehen, aber nie daran gezweifelt, dass er hier findet, was er sucht. „Die kaputten Tiere kann ich ja noch selbst kleben.“ Aber nicht die heilige Familie, lautet der nicht ausgesprochene Nachsatz.
Zwei gepflegte junge Männer fragen nach Rosenkränzen. Ihnen wird eine Quittung für Requisiten ausgestellt. Denn hier werden die Devotionalien nicht nur von Gläubigen gekauft, sondern auch von Theater – und Filmleuten, die sie für Ausstattungszwecke benötigen. Die Nachfrage hat zugenommen, da das Fernsehen das klerikale Milieu entdeckt hat.
Eine Nonne kommt auf dem Fahrrad vorgefahren und sucht ein sonst schwer erhältliches Stehkreuz. Die Schwester braucht ein mobiles Kruzifix für ihre Besuche an Krankenbetten.

Weil der Standort dieses Ladens namens „Ave Maria“ an der Potsdamer Straße so unwahrscheinlich war, dachten manche, das Ganze könne nur ironisch gemeint sein. Doch mag da anfangs noch Spielraum für Understatement gewesen sein oder ein mehr ästhetischer Umgang mit bestimmten Produkten, so fand dies spätestens mit dem Regiment von Rachele Cutolo ein Ende, einer tief gläubigen Katholikin, die den Laden jetzt führt.
Am Samstag, wenn sie das Geschäft geschlossen hat, verlässt sie die Räume erst, nachdem sie ein Gesätz des Rosenkranzes gebetet hat.

© Bettina Klix

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Zur Feier des Tages war ich nun endlich selbst dort – am neuen, nicht weit von der Potsdamer Straße entfernten Standort des Ladens:

AVE MARIA
Lützowstraße 23
10785 Berlin

U-Bahn: Linie U1 Kurfürstenstraße)
Bus: Linie M48, M85 (Lützowstr./Potsdamer Str.)

Öffnungszeiten:
Mo – Fr: 12 – 18 Uhr
Samstag: 12 – 15 Uhr

Rachele Cutolo ist ein liebenswertes Original von mütterlicher Herzlichkeit. Sie sieht den Laden nicht so sehr als Geschäft wie als Missionsauftrag. Die Geschäftsräume sind eigentlich zu klein für das überwältigende Angebot von allem, was das katholische Herz begehrt – Kruzifixe, Madonnen, Heiligenstatuetten verschiedenster Art, kostbare und schlichte Rosenkränze, Altarkerzen, Bilder (auch einige ausgezeichnete Dürerrepliken), Bücher, frommer Oblatenkitsch von Anno Dunnemals und winzige Reproduktionen alter Meister zum Einlegen ins Gesangbuch, Bronze, Silber, Wachs, Holz, Papier und ein ganz bißchen Plastik, Modernes und Altes – und eine eindrucksvolle Kollektion von Weihrauchsorten.

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Wer in Berlin katholisch ist (oder Filmemacher, oder beides), sollte das Ave Maria unbedingt aufsuchen. Wer nicht, auch – denn diese „katholische Gemischtwarenhandlung“ ist ganz einfach ein Erlebnis.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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6 Antworten zu Ave Maria – Devotionalien in Berlin

  1. jobo72 schreibt:

    Den Laden gab es schon zu meiner Studentenzeit. Ich wohnte im Studentenwohnheim „Potsdamer Straße 61/63“ und kam fast jeden Tag daran vorbei. Vom Niederrhein kommend habe ich mir erst nicht viel dabei gedacht. Erst später wurde mir klar: Das ist in Berlin was ganz Besonderes!

    LG, Josef

    • jobo72 schreibt:

      Ach, so – der war früher direkt in der Potsdamer Straße. Kam man vom U-Bahnhof „Kurfürstenstraße“ aus immer dran vorbei.

  2. Carmen schreibt:

    Oh wie fein. Werde ich mir auf die Liste der Dinge setzen, die ich mir anschauen möchte, wenn ich demnächst mal wieder nach Berlin reise, den Schwager samt seiner Liebsten zu besuchen.

  3. Bettina Klix schreibt:

    Liebe Claudia, danke für diesen wunderschönen Beitrag, danke auch im Namen von Rachele.
    So viele schöne Einzelheiten hast Du dokumentiert, die ich noch gar nicht alle gesehen hatte.
    Einen gesegneten ersten Advent, Bettina

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