Wenn es kein Beichtgeheimnis gäbe

Wenn, wie die australische Regierung anstrebt, das Beichtgeheimnis im Falle von Kindesmißbrauch nicht mehr gilt, wird Kindesmißbrauch nicht mehr gebeichtet. Der Schuldige wird nicht mehr die Möglichkeit eines guten Neuanfangs erfahren, nicht mehr ermahnt werden, sich zu stellen und so gut es geht, Sühne zu leisten, nicht mehr hören, daß er sich mit Gottes Hilfe bessern kann und das daher auch muß.
Das mißbrauchte Kind, das sich selbst schuldig fühlt, weil der Täter – ein naher Verwandter – ihm das eingeredet hat, wird nicht mehr zur Beichte gehen und also nicht vom Priester hören, daß dies nicht seine, sondern des Verwandten Schuld ist, und es wird nicht erfahren, wo es Schutzräume gibt.

Wenn das Beichtgeheimnis im Falle von Kindesmißbrauch aufgehoben wird, werden bald Vorschläge und dann Forderungen folgen, es auch in anderen Fällen aufzuheben. In der Folge wird nicht mehr gebeichtet, zumindest nicht, wo es um nach säkularem Recht strafbewehrte Dinge geht.

Wenn sich dann doch Priester finden, die das Kirchenrecht ernst genug nehmen, lieber die staatsrechtlichen Konsequenzen für ihr Schweigen zu tragen als die kirchenrechtlichen Konsequenzen für ihr Reden, gibt es zwei Möglichkeiten, daß dies überhaupt bekannt wird: Entweder das Beichtkind verrät den Priester (also einen, dem es im Vertrauen auf sein Schweigen gebeichtet hat – sehr unwahrscheinlich) oder es werden von staatlichen Behörden Schritte unternommen, Beichten abzuhören, also ein Lauschangriff auf den Beichtstuhl.

Ich vermute nach Kenntnisnahme einiger Diskussionen zu diesem Thema, daß die Mehrheit der Deutschen (und vermutlich auch vieler anderer) einen solchen Lauschangriff wünscht (auch wenn es bisher gar nicht um deutsches, sondern um australisches Recht geht). Die Säkularisierung hat meiner Beobachtung nach ein starkes Bedürfnis nach Bespitzelung und anderen diktatorischen Maßnahmen zur Folge – ich merke das nicht zum ersten Mal.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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