Der Kampf zwischen Fastnacht und Fastenzeit

Peter Brueghel d. Ä. hat ein spannendes Bild mit diesem Titel gemalt.  Auf den ersten Blick sieht man in einer winterlichen Ortschaft ein Gewimmel von Menschen und wird nicht leicht schlau daraus. Aber bei genauerem Hinschauen sieht man: im Vordergrund kämpfen zwei maskierte Gestalten, die linke dick mit einer bunten Maske, die rechte dünn mit einer schwarzen Maske. Der Dicke sitzt auf einem Weinfass auf Kufen; er ist mit einem Bratspieß bewaffnet, auf dem ein Schweinskopf, ein großer und zwei kleine Vögel (alles küchenfertig) stecken. Der Dünne sitzt auf einem einfachen Stuhl auf einem Brett mit kleinen Rädern; seine Waffe ist ein Ofenschieber mit zwei Fischen auf dem flachen Ende.  Das Weinfass ist mit einem Schinken und einem Kessel garniert, das Rollbrett mit Brot, Brezeln und Muscheln (zu Brueghels Zeit ein billiges, fastengeeignetes Essen). Beide haben ihre Fans – dem Dicken laufen maskierte und kostümierte Menschen nach, dem Dünnen Kinder mit Holzratschen, die zu Beginn der Fastenzeit die Kirchenglocken ablösen.

Auf beiden Seiten ist viel los. Es ist eine Art Suchbild – was geschieht auf der Fastnachts-Seite, was auf der Fastenzeit-Seite? Mitten in dem ausgelassenen Treiben der Fastnacht versucht eine Gruppe ärmlich gekleideter, verkrüppelter Menschen vergeblich, auf sich aufmerksam zu machen – mitten im Getümmel sind sie völlig vereinsamt, umgeben von Menschen, die ihnen den Rücken zukehren. Mitten im Überfluss kümmert sich niemand um die Bettler.

In der Fastenzeit hingegen werden die Bettler versorgt. Ein Kind gibt einem Mann ein Brot; im Eingang des Hauses dahinter hat eine Frau Brote aufgestapelt, eine andere putzt die Fenster. Freigebig und reinlich will man sein. Ein Mann in einem teuren Mantel gibt einer Bettlerin mit einem Baby ein Almosen, ein anderer tut ein Gleiches einem zerlumpten und blinden Bettler und scheint auch nicht ungeduldig gegenüber zwei weiteren Bettlern. In einer Kirche gibt ein Priester einem knienden Gläubigen die Absolution; das nächste Beichtkind wartet bereits, überhaupt ist die Kirche gut besucht.

Auf der Fastnachtsseite gibt es auch ein gut besuchtes Haus – das Wirtshaus. Ein zerlumpter Mann, der sich das wohl nicht leisten kann, steht auf einem Fass auf der Straße und trinkt aus einer Kanne, vermutlich Alkoholisches, während ein anderer Mann aus dem ersten Stock eines Hauses ein ominöses Gefäß auf diesen Säufer ausleert. Drei Jugendliche machen sich über ihn lustig. Verkleidete Gestalten ziehen durch die Straße, es gibt offensichtlich auch einen Heischebrauch, der aber mehr mit Alkohol als mit täglichem Brot zu tun hat. Ganz hinten im Bild haben Menschen ein Feuer angezündet. Mitten auf der Straße sitzen zwei junge Männer beim Würfelspiel. Spiel und Tanz auf der Fastnachtsseite wirken aber nicht eigentlich fröhlich, eher grotesk.

Auf der Fastenseite spielen Kinder mit Kreiseln, das wirkt harmlos und freundlich. Eine Frau holt Wasser aus einem Brunnen, eine andere verkauft Fisch. Zwei Nonnen, eine mit Gebetbuch, die andere mit Rosenkranz, schauen freundlich und gerührt auf die bettelnden und die almosengebenden Menschen.

Der Kampf scheint noch unentschieden, aber die dicke Fastnacht scheint schon müde und desinteressiert, die dünne Fastenzeit aber wach und aufmerksam.

Ich wünsche uns allen eine wache, aufmerksame Fastenzeit voll Nächstenliebe und Frömmigkeit, mit einem wachen Gewissen und einer neu erwachsenden christlichen Kultur mit Gebeten und guten Werken, die sich hoffentlich weit über Ostern hält.

Übrigens erwähnt Josef Bordat dies Bild in einem lesenswerten Artikel über die Kulturgeschichte des Karnevals.

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About Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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