Liebe EU, geh baden.

Gerade hast Du, liebe EU (ich darf Dich doch duzen? Wir kennen uns ja schon übergenug!), erst einen kapitalen Bock geschossen und ihn dann sehr schnell und heimlich wieder verschwinden lassen. Liebe EU, wenn man etwas verbockt, dann sagt man hinterher: „Entschuldigt, das war blöd von mir.“ Man kann es auch parlamentarischer ausdrücken, aber einfach nur so tun, als hätte man nichts getan, ist falsch (und in Zeiten des Internet unsinnig).

Was war?

Die EU, besorgt um unser aller Seelenheil, gibt ein Dokument zur Vermeidung ungerechter Sprache heraus. Irgendwie soll man beim Sprechen immer alle berücksichtigen, die sich irgendwie auf Schlips, Binder, Halstuch, Kufiya oder Sarockel getreten fühlen könnten: Männer, Frauen, Diverse, Ungläubige, Irgendwiegläubige, Leute mit irgendeiner oder ganz ohne Kultur… die Liste ist schier endlos, nur auf Christen darf man zwar Rücksicht nehmen, wenn man unbedingt möchte, muss aber nicht. (Sarockel also doch?)

Das in englischer Sprache verfasste Dokument erteilt keine Ge- oder Verbote, sondern Ratschläge. Die sind aber nervig genug. Und von der EU kommend, sind Ratschläge auch von einer anderen Qualität als wenn die entfernte Verwandte das sagt, die man ohne Schwierigkeiten ignorieren darf.

Nun wird im Internet gerne alles sehr hochgekocht, „EU verbietet Weihnachten“ und so weiter. Mir liegt das Dokument leider nicht vor, aber hier ist eine englischsprachige Seite, die wörtliche Zitate bringt.

Zunächst geht es darum, auf gar keinen Fall jemanden zu beleidigen, der irgendwie zum LGTB-Spektrum gehört. Leute, es nervt! Jeder darf jederzeit ungestraft sagen, daß zölibatäres Leben geisteskrank macht (oder Geisteskrankheit zölibatär, oder was immer), jeder darf damit implizit behaupten, daß Frauen willig sein müssen, damit Männer nicht gewalttätig werden (denkt es durch: genau dieser krude Gedanke kommt dabei heraus) – aber wenn ich in meiner Sprache einmal nicht berücksichtige, daß meine Leser divers sein könnten, bin ich bäh. Das ist so nervtötend albern!

Der Hauptaufreger ist aber: Weihnachten und Vornamen.

Im Englischen kann man für „Vorname“ drei Ausdrücke gebrauchen: entweder das gängige „Christian name“ oder „first name“ oder „forename“. Natürlich ist es sinnvoll, auf Dokumenten, die von jedermann ausgefüllt werden können oder müssen, eher nach dem „first name“ zu fragen. Sonst müssten zahlreiche Menschen dort ehrlicherweise eine Lücke lassen. Hier ist der Vorschlag des Dokuments sinnvoll.

Aber dann geht es um Namen in Beispielsätzen. Da wird’s absurd. Das Dokument rät davon ab, Namen zu benutzen, „die für eine Religion typisch sind“. Also nicht „Maria und John“, sondern „Malika und Julio“, um ein Paar mit verschiedenen Nationalitäten zu beschreiben. Bitte? Maria, John (im Deutschen wäre es Hans) – diese Namen, beide mit hebräischer Wurzel, sind ohne weiteres zwei verschiedenen Religionen zuzuordnen, auch wenn sie in dieser Form wohl häufiger bei Christen und Agnostikern als bei Juden vorkommen. Malika ist möglicherweise arabischer Herkunft (weibliche Form von malik, König), wird aber auch als Koseform von Amalia geführt. Und so heißen zwei Heilige der katholischen Kirche sowie eine evangelische Wohltäterin. Julio ist die spanische Form von Julius – und so heißen ungefähr zwanzig katholische Heilige. Liebe EU, sei wenigstens konsequent und nenn das Paar „Wotan und Mirabelle“. (Wotan ist zwar auch einer Religion zuzuordnen, und Mirabelle war im englischen Mittelalter ein häufiger Name, aber das ist ja lang her.)

Und Weihnachten? „Nicht jeder feiert christliche Festtage, und nicht alle Christen feiern sie zum gleichen Datum“, weiß das Dokument. Daher solle man Sätze wie „Weihnachten kann stressig sein“ meiden und stattdessen sagen „Die Festtage können stressig sein“. Aber warum sind die Festtage denn Festtage? Weil da Weihnachten ist, ob man es feiert oder nicht. Im übrigen ist es sprachlich ungenau, Weihnachten mit „Festtage“ („Holidays“) zu ersetzen, weil es ja noch andere Festtage im Jahr gibt. Und schließlich ist „holiday“ ursprünglich „holy day“ – „heiliger Tag“. Das könnte doch den, dem dieser Tag nicht heilig ist, kränken! EU, Du musst noch viel lernen!

Daher mein obiger Rat: Geh baden, EU. Ein Bad ist wohltuend, entspannend, gesund, reinigend, und manchmal findet man dabei auch etwas Wichtiges heraus. Vor allem aber kann man beim Baden keine Dokumente verfassen, und das täte Dir mal sehr gut, liebe EU.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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2 Antworten zu Liebe EU, geh baden.

  1. Monika Hüssen schreibt:

    Als Antwort und Kommentar zu vielen Ihrer Beiträge senden wir Ihnen,
    Frau Sperlich meine advent- und weihnachtliche Betrachtung zum Drama der
    Menschwerdung Jesu, die auch heute noch aktuell ist
    Monika und Friedhelm Hüssen

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